Nach vierjähriger Unterbrechung fand vom 4. bis 9. September die Leipziger Herbstmesse erstmalig wieder als Mustermesse für Konsum- und technische Bedarfsgüter statt. Daß die Bedeutung von Leipzig auch in den Augen des Westens weiterhin gewachsen ist, zeigte sich wiederum an der starken Ausstellerzahl aus der Bundesrepublik (1275 Aussteller) und dem Ausland, das mit 32 Nationen vertreten war. Auf der Ausstellungsfläche von 100 000 qm, auf der insgesamt 7522 Firmen ihre Waren zeigten, vermißte man diesmal die Sowjetunion und Rotchina, deren Konsumgüterindustrie noch zu schwach entwickelt ist, als daß sie im Export hätte bestehen können. Man hatte aber auch alles getan, um die zur Frühjahrsmesse durch den Umrechnungskurs 1 $ gegen 2,22 DM-Ost verärgerten westlichen Auslandsbesucher zu besänftigen. So hatte der Ministerrat der Sowjetzone noch zehn Tage vor Eröffnung der Messe das Messeamt angewiesen, an ausländische Besucher – ähnlich wie beim Fußballspiel in Moskau – gegen Zahlung eines Pauschalbetrages in Devisen, Hefte mit Gutscheinen für Übernachtung und Verpflegung auszugeben, die gegenüber der bisher üblichen Zahlungsweise größere Vorteile boten. Die Sowjetzone hat in den Messetagen für 50 Mill. $ Konsumgüter – vorzugsweise im westlichen Ausland – und für 100 Mill. Verrechnungseinheiten – vorwiegend Lebensmittel – im innerdeutschen Handel eingekauft.

Diese Abschlüsse waren für die Aufrechterhaltung des Existenzminimums der Zonenbevölkerung unerläßlich. Denn der Importrückgang nahm in den letzten Monaten bedrohlichen Umfang an. Nach offiziellen Angaben hat zwar der Export 1954 um 33 v. H. zugenommen. Trotzdem ist man mit der Produktion für den Export mit 2,5 Mrd. Rubel im Rückstand geblieben. Da aber auch die von der Sowjetunion 1953 gewährten Kredite inzwischen fällig wurden, nahmen die Importrückgänge einen solchen Umfang an, was zu der zur Zeit bestehenden Lebensmittelknappheit führte. So bekamen beispielsweise die Leipziger für die 1. September-Dekade – trotz Messe – pro Person nicht mehr als 4 kg Kartoffeln. Während Staatssekretär Gregor vom sowjetzonalen Wirtschaftsministerium in einer Pressekonferenz erläuterte, daß der Lebensstandard der Zonenbevölkerung größer als der in der Bundesrepublik sei, standen währenddessen die Hausfrauen Schlange, um einige der nur zur Messe angebotenen Delikatessen zu ergattern. Um die dringendsten Bedürfnisse decken zu können, hat daher erneut eine Exportoffensive der Sowjetzone in den unterentwickelten Ländern begonnen, die nicht so hohe Ansprüche an die Erzeugnisse stellen. Der gute mitteldeutsche Facharbeiter ist zwar auch heute noch in den Betrieben tätig. Doch durch das fortwährende Drängen der Betriebsleitungen, Exportaufträge vorfristig zu erfüllen, werden meist Waren hergestellt, denen der letzte Schliff noch fehlt.

Die Lieferfristen sind in Leipzig nach wie vor ein heißes Eisen. So berichtete der Vertreter eines; volkseigenen Betriebes aus Zella-Mehlis, daß sich, vier Betriebe in seiner Stadt gegenseitig mit einen Kistenverschlußmaschine aushelfen müss.en, um die Exportgüter sachgemäß verpacken zu können. Die! Verhandlungsbevollmächtigten der „DIA Transportmaschinen“ gaben schließlich zu, daß beispielsweise zwei Elektrotriebwagenzüge erst drei Jahre nach der Vereinbarten Frist geliefert werden konnten. Selbst in der Messenummer der „Leipziger Volkszeitung“ konnte man entgegen der offiziellen Meinung, daß die Sowjetzone keine Lieferrückstände habe, Aufrufe an alle Betriebe lesen, die rückständigen Exportaufträge zu erfüllen. Im innerdeutschen Handel hat die westdeutsche Fischindustrie, der Weinhandel und die Schuhindustrie mit der HO und DHZ befriedigende Abschlüsse erreichen können. Die Sowjetzone griff vorwiegend auf ihre bewährten Exportartikel – Meißener Porzellan, Spielwaren, Musikinstrumente und Sportwaffen – zurück, die selbst im westlichen Ausland guten Absatz fanden. Der Wert Leipzigs lag aber auch diesmal – zum Unterschied von anderen internationalen Messen – nicht nur in dem, was dort ausgestellt und verkauft wurde, sondern darin, daß die Stadt einmal wieder Mittelpunkt Deutschlands für ein gegenseitiges Gespräch war. H. L.