Wir wollen unsere Reverenz erweisen einer Kulturstadt wie Aachen“ ; aus diesem Grunde versammelten sich mehr als 300 deutsche Industrielle in jenem Rathaus und dem alten Dom, wo jahrhundertelang Deutschlands Kaiser und Könige gekrönt worden sind. Es war die vierte Jahrestagung, die der „Kulturkreis“ im Bundesverband der deutschen Industrie öffentlich veranstaltete. Von Duisburg nach Aachen, vom Industriegebiet, wo der Förderer-Verband zum erstenmal getagt hatte, zur kulturellen Repräsentation, das war ein Weg von nur vier Jahren, und doch ein weiter Weg. Damals dominierte die individuelle Initiative. In der ersten öffentlichen Feierstunde in Duisburg wurde ein Klavierkonzert des inzwischen verstorbenen Industriellen Gerhard Maletz aufgeführt, wurden Stipendien verteilt an förderungswürdige Talente. In Aachen reichte das Licht der elektrischen Tiefstrahler nicht mehr aus. Eine Batterie von Jupiterlampen erhellte für Film und Wochenschau noch zusätzlich den illustren Kreis der Kunstmäzene. Mit der Rede von Otto A. Friedrich über den modernen Freiheitsbegriff in Wirtschaft und Kultur zeichneten sich zum erstenmal ideologische Konturen um dieTätigkeit der industriellen Spenderorganisation ab.

Will man, den geistespolitischen Standort der Kundgebung bestimmen, so muß man an die vergleichbare Eröffnungsrede Ernst Schnabels bei den diesjährigen Ruhrfestspielen erinnern. Dem deutschen Wirtschaftswunder hatte Schnabel jeden „Funken“ abgesprochen, an dem sich geistige Zukunft entzünden, der Menschen „Mut“ machen könnte. Friedrichs Interpretation der Freiheit in der Nachkriegswirtschaft jedoch mündete in eine Replik auf Schnabels Skepsis gegenüber unseren „Werten“: „Die Freiheit, eine heilige Pflicht der menschlichen Persönlichkeit, ... ist der Wert, mit dem im Herzen ein deutscher Soldat wieder sein Leben für Familie, Volk und Vaterland einzusetzen bereit sein wird.“ Das Ziel des industriellen Förderungswerkes greift aber noch weiter. Eigentlich sollte in Aachen auch der Franzose Robert Schuman sprechen. Er leitet die Fondation Européenne de la Culture (Vgl. DIE ZEIT Nr. 36.) Als Hermann Reusch den französischen Minister, der plötzlich verhindert war, entschuldigen mußte, sagte der Vorsitzende des „Kulturkreises“: „Es ist unsere Absicht, auch die Arbeit des Kulturkreises in diese hohe, politische Aufgabe einmünden zu lassen.“

Der Aachener Leistungsbericht bestätigt, daß die private Organisation als Verband zunehmend in die Breite wirkt. Mit „Grundsatzstiftungen“ hat sich der Kulturkreis von Anfang an zum Partner der öffentlichen Hand gemacht. Über die Nachwuchsauslese durch Ausbildungsstipendien ist inzwischen auch das literarische Förderungswerk hinausgewachsen. Nach dem Erfolg des Sammelbandes „Jahresring 54“ wird das nun repräsentativ angelegte Jahrbuch zeitgenössischer Literatur eine regelmäßig erscheinende Einrichtung des Kulturkreises. Für das kommende Jahr strebt man auf diesem Wege die Verbindung zu den großen Werkbüchereien an. In die überbetriebliche Kulturarbeit gedenkt sich der Kreis auch mit einer neu zu schaffenden graphischen Sammlung, einer Wanderausstellung, einzuschalten. So begegnet der Kulturkreis neben der öffentlichen Hand als Partner auch den Gewerkschaften und ihren ähnlich gerichteten Kulturbestrebungen.

Das Gesetz jedes Verbandes drängt nach Sichtbarkeit der Organisation. Schon die angedeuteten Entwicklungslinien lassen die öffentliche Bedeutung auch des Industrie-Kulturkreises erkennen. Gleichwohl sollen „der intime Charakter, die freundschaftlichen Beziehungen gewahrt bleiben“. Erklärtes Ziel ist die Anregung des einzelnen Mitgliedes durch Beispiel und Maßstab der Organisation. So darf man den Schwerpunkt nicht in der Geldsumme sehen, die Künstlern „auf dem Verbandswege“ zufließt. 374 Mitglieder brachten für Förderungszwecke im vergangenen Jahr 321 000 DM auf. Statistisch gesehen, wären das noch keine tausend Mark je Industriemitglied. Nicht in Statistiken erscheint dagegen, was einzelne namhafte Industrielle an wesentlich höheren Beträgen über Privatsammlungen oder persönliche Patenschaften, als Schenkungen oder Aufträge für die Kunst gestiftet haben. Immerhin, viele Kulturkreis-Mitglieder dürften sich als Mäzene vorerst auf die Zahlung eines freiwilligen Verbandsbeitrages beschränken. Wie er in öffentliche Kanäle geleitet wird, welche Werke und Werte damit gefördert werden, das soll nun einen Maßstab bilden für jene Industriellen, die – vom Beispiel kunstsinniger Berufsgenossen mitgerissen – künftig echte, das heißt persönliche Mäzene werden wollen.

Eine Kunstausstellung ars viva Aachen 1955 zeigt Arbeiten der dies- und vorjährigen Kulturkreis-Stipendiaten aus dem Bezirk der bildenden Künste und darüber hinaus weitere Arbeiten, die für Stil und Qualität in unserer Zeit Anschauungsmaterial bieten. Besonderer Aufmerksamkeit erfreut sich daneben die Nachwuchspflege in der Musik. Obwohl auch für verschiedene Kompositions-Talente Stipendien ausgesetzt worden sind, lassen sich die solistischen, also interpretierenden Begabungen eindeutiger feststellen. Bezeichnend für das angestrebte Verfahren war es in diesem Jahr, daß zwei jugendliche Geiger über die offiziellen Nominierungen hinaus von einem Industriellen in persönliche Patenschaft genommen wurden.

Wer aber entscheidet, was durch den Kulturkreis offiziell gefördert werden soll? In den Mittelpunkt aller Überlegungen stellt der Aachener Jahresbericht die Frage nach der Qualität. „Als Nicht-Fachleute haben wir keine unbestrittene Berechtigung zur Wertung“, sagt bescheiden das Resümee. Doch das Freiheitsbewußtsein des Wirtschaftlers fügt gleich hinzu: „Aber wir haben das unbestrittene Recht zur Wahl.“ Wie also wählt .Maecenas, der Nicht-Fachmann, im „Bemühen, hochwertige Leistungen zu fördern“? Er läßt sich von Fachleuten beraten. Die Entscheidung liegt dann freilich beim Kuratorium, also bei einem Gremium von qualitativ beratenen, in ihren persönlichen Neigungen aber freien Spendern. Qualität und Stil, Wert und Richtung – das sind Scylla und Charybdis der Urteilsbildung. Angesichts der wachsenden Öffentlichkeitsfunktion des Kulturkreises darf man wünschen, daß der Fachmann nicht nur Sitz, sondern auch Stimme in dieser Organisation erhält. Peter Johannsen