Max Beckmann war 53 Jahre alt, als er Deutschland 1937 verließ. Er tat das freiwillig, wenn man von freiem Willen reden kann bei jemand, dem die politischen Machthaber das Lehramt an der Frankfurter Kunstschule entzogen hatten und dessen Bilder als „entartete Kunst“ gebrandmarkt wurden. Nach kurzem Zwischenaufenthalt in Paris machte Beckmann sich in Amsterdam seßhaft. Hier lebte er die neun Jahre von 1938 bis 1947; dann siedelte er nach St. Louis und von da nach New York über, wo er 1950, kurz vor Jahresende, auf einem seiner täglichen Spaziergänge vom Tode ereilt wurde.

Die holländischen Jahre waren für ihn eine Zeit der Qual. Nicht,’ daß es ihm an zuverlässigen Freunden gemangelt hätte. Aber auf der Höhe des Schaffens dazu verurteilt zu sein, ohne Widerhall zu bleiben, nach Jahren eines durch Leistung erworbenen internationalen Ruhms ohnmächtig dem Vergessenwerden anheimzufallen, hat Beckmann aufs schwerste bedrückt. Dabei ging es ihm nicht um persönliche Eitelkeit, denn selten hat sich wohl ein Künstler weniger Illusionen über sich selbst gemacht, als er. Trotzdem malte Beckmann immer wieder Neues; und wenn er seine Kraft in den Bildern verströmt hatte, so arbeiteten seine Gedanken und Empfindungen weiter und fanden ihren Niederschlag in Tagebuchaufzeichnungen.

Alsdann die Deutschen nach Holland kamen, vernichtete Max Beckmann alle Tagebücher bis zum Mai 1940. Aber er brach nicht mit seiner Gewohnheit täglicher Notizen, die er meist in lapidarer Kürze auf Kalenderblätter schrieb. Mathilde Q. Beckmann, die Frau des Künstlers – ob ihrer Verwandtschaft mit Kaulbach und der Namensähnlichkeit mit Kaulquappe scherzhaft von ihm „Quappi“ genannt – hat diese Notizen der letzten elf Jahre zu einem Ganzen zusammengestellt: sie sind unter dem Titel:

Max Beckmann: Tagebücher 1940-1950, von Erhard Göpel herausgegeben, im Verlag Albert Langen – Georg Müller, München 1955, (423 Seiten mit 33 Abbildungen auf Tafeln, 24,80 DM)

jetzt erstmals erschienen. – Man kann an diesem Kalendarium Beckmanns die in diesen Jahren gemalten, veränderten oder nachträglich vollendeten Bilder kunstgeschichtlich genau datieren. Doch das eigentlich Wichtige dieser Aufzeichnungen liegt in der zwischen den Zeilen lesbaren Selbstcharakteristik des Künstlers. Da heißt es unterm 4. Mai 1940: „Zu welcher Plage und Entsetzen, oder zu welcher Freude und Verdienst, hat mich mein ganzes Leben bemüht, eine Art „Selbst“ zu werden. Und davon werde ich nicht abgehen, und es soll kein Winseln um Gnade und Erbarmen geben und sollte ich in aller Ewigkeit in Flammen braten.“ Oder am 2. Oktober 1940 notierte er und schreibt es in Versalien: „NICHTS SOLL MICH MEHR AUS DER FASSUNG BRINGEN, BITTE NICHT ZU VERGESSEN!“

Am 30. September 1941 schreibt er: „Habe schon beschlossen, da jeder miese Kerl ‚kranksinnig‘ oder verrückt werden kann, mein Leben mit aller Energie zu Ende zu leben.“ Oder unterm 18. Dezember 1942: „Junge Männer am Meer“ angefangen zu malen. Unbändiger Lebenswille gemischt mit Zorn und Resignation toben durcheinander. Ist alles letzten Endes nutzlos – oder bin ich noch immer nicht weit genug?“

Beckmann, der schwere gedrungene Mann, der sich als eine geschlossene, wie geballte Kraft auf seinen Selbstbildnissen dargestellt hat, wird hin- und hergerissen zwischen „äußersten Räuschen der Empfindung“ und tiefen Depressionen, die vom sichtbaren Kriegsgeschehen wie von der Erkenntnis des Ungeistes der Zeit hervorgerufen werden. Körperliche Leiden: Neurithis, Hexenschuß, Schmerzen in Rücken und Beinen, „Augenpein“ machen ihm viel zu schaffen. Als er Rotterdam 1943, drei Jahre nach der katastrophalen Vernichtung der Stadt, erstmals wiedersieht, fragt er: „Sieht Berlin wohl auch so aus?“