Die Afrikareise unseres Bundestagspräsidenten war schon vor ihrem Beginn mancher Kritik ausgesetzt. Beispielsweise hielt man den Zeitpunkt für nicht recht glücklich gewählt. Sie mag wohl seit langem geplant gewesen sein, aber daß sie der Parlamentspräsident just in dem Augenblick antrat, wo das Parlament in eine schwierige Auseinandersetzung mit der Bundesregierung verwickelt war, nahm ihm nicht nur ein Teil der Presse, sondern auch ein Teil seiner eigenen Fraktion übel.

Dr. Gerstenmaier hat mit seiner Reise offensichtlich mehrere Ziele verfolgt. Eines.– veimutlich nicht das für ihn unwichtigste – war eine Sondierung der Aussichten auf eine Entschädigung für das im zweiten Weltkrieg in Kenia und Tanganjika, dem früheren Deutsch-Ostafrika, von den Briten beschlagnahmten deutschen Vermögens. Soweit gut. Aber diese Entschädigungsfrage gehört zu den heikelsten, die es in den englisch-deutschen Beziehungen gibt. Nicht umsonst rührt man sie nur selten und nur mit größter Behutsamkeit an. Die Befürchtung, daß der Bundestagspräsident schon durch die Tatsache seines Eingreifens leicht verletzliche, aber nur schwer zu besänftigende Empfindlichkeiten getroffen haben könnte, ist sicherlich nicht übertrieben.

Dr. Gerstenmaier interessierte sich in Afrika auch für die Absatzmöglichkeiten unserer Industrie, Auch hier begab er sich auf ein von Gefahren umgebenes politisches Terrain. Manche Äußerung, die er beispielsweise im Kongo-Staat getan hat, konnte mißtrauischen Ohren leicht als eine Bedrohung älterer Interessen erscheinen. Und seine Unterredung mit dem ägyptischen Regierungschef Nasser, seine Anwesenheit bei einer Sitzung des sudanesischen Kabinetts wurden, wie man hört, an manchen Stellen nicht so harmlos gedeutet, wie es vermutlich angebracht wäre.

Nun findet am 15. September in Düsseldorf eine Tagung des Afrika-Vereins statt, bei der auch Dr. Gerstenmaier sprechen wird. Warum sollte er es auch nicht? Das Hauptreferat bei dieser Veranstaltung, an der namhafte Vertreter aus den Reihen der Wirtschaft wie der Politik teilnehmen werden, hält Dr. Pohle, der Bundestagsabgeordnete, der gemeinsam mit dem Bundestagspräsidenten reiste und Von dem man, da er ein fundierter, klug abwägender Mann der Wirtschaft ist, aufschlußreiche Darlegungen wird erwarten können. Sollten aber die Auguren recht haben, wenn sie aus der Teilnahme Dr. Gerstenmaiers an der Tagung in Düsseldorf und seinem großen Interesse für das tropische Afrika, dessen wirtschaftliche Zukunftsmöglichkeiten er mit Recht sehr optimistisch beurteilt, auf weitere Reisepläne ähnlich halbdienstlichen Charakters schließen? Sollte dem so sein, dann möchten wir beizeiten davor warnen. Die Behandlung komplexer politischer und wirtschaftlicher Fragen kann durch nichts so sehr erschwert werden, als durch eine sich aus der Einmischung von Außenseitern ergebende Doppelgleisigkeit. R. S.