st., Wilhelmshaven

Als die „bedeutendste vorgeschichtliche Grabung dieses Jahres in Norddeutschland“ wird die Ausgrabung der niedersächsischen Marschen- und Wurtenforscher auf der „Feddersen Wierde“ in der Wesermarsch angesehen, die von Dr. Haarnagel, Wilhelmshaven, geleitet wird. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird dort eine vorgeschichtliche Warft, ein unter Meeresniveau außerhalb der eigentlichen früheren Küstenlinie gelegener Wohnhügel, untersucht. Schon jetzt lieferten diese Untersuchungen ein Bild, das alle bisherigen Anschauungen über die Vorgeschichte dieses Raumes über den Haufen wirft.

Bisher galten diese Räume der ganzen deutschen und holländischen Nordseeküste seit ihrer Besiedlung überhaupt während der „Eisenzeit“ um die Zeitenwende als ein Gebiet einer reinen Bauern-Viehzüchterkultur. Zum Teil stammte dieses Urteil aus den Ergebnissen zahlreicher Ausgrabungen an der ganzen Nordseeküste, teilweise wohl noch aus römischen Reisebeschreibungen, die die Ärmlichkeit und Öde in diesen Nordseemarschen sehr eindringlich schildern. Auf der Feddersen Wierde zeigte sich jedoch, daß auf dieser mehrere Morgen großen Riesenwarft sich ein Kaufmanns- und Handwerkerzentrum aus den Jahrhunderten kurz nach der Zeitenwende befand, das niemand von den Prähistorikern in diesem Gebiet vermutet hätte. Mächtige – bis 25 Meter lange – in Zeilen geordnete Häuser bergen keine Andeutung von Landwirtschaftsbetätigung der früheren Bewohner, sondern schon eher Manufakturwerkstätten in ausgedehnten Arbeitsräumen, denen gegenüber der Wohnteil klein erscheint. Römische Fibeln, römische Keramik (Terra sigillate und Terra nigra) zeigen an, daß ein lebhafter Handelsverkehr – zweifellos über See – mit den römischen Kulturräumen jener Zeit, vielleicht im Rheingebiet, betrieben wurde.

Die Bewohner der Feddersen Werde produzierten in erster Linie Keramikwaren, die in zahlreichen Brennöfen, hergestellt wurde. Außerdem war dort ein Eisenverarbeitungszentrum, das allerdings nur „Veredelungsarbeiten“ leistete – das Roheisen wurde offensichtlich von anderen Orten bezogen. Ledermesser deuten an, daß auch Lederverarbeitung – sicher wiederum im „Veredelungsverkehr“ – betrieben wurde. Wie hoch die handwerklichen Fähigkeiten um die Zeitenwende in der Marsch Norddeutschlands waren, zeigt sich vor allem in den aufgefundenen Holzarbeiten: Balken mit eckigen und runden Löchern, Nuten und Schwalbenschwänzen, Wagenräder, deren Speichenabstand nur um Millimeter differiert und so beweist, daß man bereits erhebliche mathematische „Betriebskenntnisse“ verwerten konnte.

Schon zahlreiche deutsche und ausländische – vor allem holländische – Forscher fänden sich auf dieser bedeutungsvollen Stelle ein – darunter der Ausgräber von Haithabu, der heutige Kieler Prähistoriker Prof. Jankuhn – um dieses neue Bild einer spezialisierten Vorzeitzivilisation in der Vorzeitmarsch zu studieren.