Bei den „alten Fuhrleuten“ der Wirtschaftspolitik haben die Vorschläge, die Professor Erhard in der ZEIT und in vielen Konferenzen und Verhandlungen gemacht hat, einiges Erstaunen hervorgerufen. Es erschien ihnen paradox, daß Preissenkungen mitten in einer Hochkonjunktur als möglich und durchführbar bezeichnet wurden. Gutes Zureden – sagten die Kritiker – sei kein „marktkonformes Mittel“.

In der Tat haben „marktgerecht“ steigende Preise in leiten starker Nachfrage durchaus ihren guten Sinn. Sie zeigen eine kommende Verknappung an, schränken die Nachfrage ein, regen das Angebot – auch von „Ersatzstoffen“ – an und erzwingen, sofern die Zentralbank (wie sie es ja nun tut) die Unternehmungen in der Kreditversorgung „kurz“ hält, kompensatorische Preissenkungen für andere Waren, deren Angebot noch stärker ausdehnungsfähig ist. Last not least bedeuten einzelne Preissteigerungen, die „marktkonform“ als Folge einer Übernachfrage eintreten, ein Warnungszeichen für die Konjunkturpolitik. Die Hausse der Holzpreise vom Herbst 1954 bietet da ein eindrucksvolles Beispiel. Sicherlich wäre es besser gewesen, diese Erscheinung entsprechend zu würdigen, anstatt darauf – wie es geschehen ist – nur so zu reagieren, daß man den staatlichen Forstverwaltungen (und dem privaten Waldbesitz) Vorwürfe wegen einer „hemmungslosen Ausnutzung der Marktlage“ machte. Überhaupt wäre mehr Preisreagibilität durchaus zu wünschen, zumal sich ja erwiesen hat, daß die vielgerühmte „Vollbeschäftigung bei stabilem Preisstand“ während der letzten Monate angesichts der Übernachfrage und der unerträglich langen Lieferfristen vielfach nur eine optische Täuschung dargestellt hat, während in Wirklichkeit längst „graue“ Preise (und Löhne!) angeboten und genommen (zum Teil auch verlangt) worden sind.

So sind wir zumal in der Bauwirtschaft, aber auch in anderen Wirtschaftssparten in eine Überteuerung hineingeraten, an der freilich nicht etwa bloß der Glaube an eine ewig dauernde Schönwetterperiode in der Vollbeschäftigungskonjunktur die Schuld hat, die vielmehr auch durch erhebliche Kostensteigerungen für Produktion und Vertrieb bedingt ist. Was die Steuerreform an Erleichterungen bei der Einkommen- und Körperschaftssteuer gebracht hat, ist ja längst überkompensiert worden durch die Erhöhung der Kohlenpreise, durch die Belastung der Transporte im Verkehrsfinanzgesetz, durch die Kindergeldabgabe Und durch eine ganze Reihe weiterer Belastungen, die seit Jahresfrist neu hinzugekommen sind oder sich verstärkt haben. Mögen auch die Unternehmungen bei ihren laufenden Geschäftsunkosten noch vielfach weiterhin so „großzügig“ verfahren, wie das in der Zeit der Steuerüberlastung (unter dem Motto: „Unkosten spielen keine Rolle – sie gehen doch nur zu Lasten des Steuerfiskus!“) leider bei ihnen üblich geworden ist: maßgebend für ihre Kalkulationen und für ihre Preispolitik ist sicherlich weniger die Sucht, die günstige Markt- und Absatzlage bis zum äußersten auszunutzen, als die schwere Sorge vor einer ungewissen Zukunft, der man mangelhaft gerüstet, das heißt ohne hinreichende Reserven an Eigenkapital, entgegenzugehen hat. „Leichtsinnig“ verfährt – wenn überhaupt jemand im Wirtschaftsleben – eigentlich nur „Herr Jedermann“, der ‚Letztverbraucher‘, soweit er nämlich (was wir ja wohl alle tun ...) übersteigerte Qualitätsansprüche stellt, und das (vielfach ...) ohne hinreichende Qualitätskenntnisse: was dann in aller Regel zur Wahl der teureren Ware verleitet, unter dem Gesichtspunkt, daß sie ja wohl doch auch die bessere sein werde ...

Diese Verhaltensweise ist durchaus nicht auf Waren industrieller Fertigung beschränkt; sie beginnt bereits beim Einkauf von Lebensmitteln. Es gibt gibt ja doch wohl zu denken, daß der Ernährungsaufwand im Laufe der vier Jahre 1950 bis 1954 um 7,4 Milliarden DM (gleich rund 40 v. H.) angestiegen ist, wovon rund die Hälfte auf den Mehrbedarf durch Bevölkerungszuwachs und auf Preissteigerungen (im Betrag von 2,7 Milliarden DM) entfällt, während die andere Hälfte des Mehraufwandes (mit 3,6 Milliarden) durch die höheren Qualitätsansprüche der Verbraucher bedingt ist...

So erfreulich diese Hinwendung der Verbrauchermassen zum verfeinerten Produkt für unsere Landwirtschaft auch sein mag – ihre Kehrseite ist aber doch, daß die Hausfrauen, gerade wegen der gestiegenen Ansprüche und Aufwendungen, keineswegs geneigt sind, für die „einfache“ Ware, etwa für Milch, nun auch nur einen Pfennig mehr auszugeben. Der Kampf um die (leider denkbar unglücklich, nämlich „politisch“ motivierte) „Preisanhebung“ für Milch um fünf Pfennige je Liter, ohne gleichzeitige Qualitätsverbesserung, der so schlecht ins Erhardsche Konzept einer für den Verbraucher fühlbaren allgemeinen Preissenkung hineinpaßt, wird also vermutlich noch sehr hart werden. Und die Bauernverbände sind da nicht zu unterschätzende Gegner des Wirtschaftsministers, dem sie vorwerfen, er habe vor Jahr und Tag, als es sich darum handelte, die Preise für die aus, industrieller Fertigung stammenden Bedarfsartikel des landwirtschaftlichen Betriebes zu senken, nicht einmal versucht, die beteiligten Industriekreise umzustimmen ...

Trotz solcher Einwände wird man Professor Erhard bei seiner neuesten Aktion Kredit einräumen dürfen. Gewiß: Dem Fabrikanten, der billige Kohle haben möchte, kann durch eine Öffnung der „Einfuhrschleuse“ nicht geholfen werden – denn Auslandskohle ist teurer als Inlandsware. Sicherlich wäre auch dem Bauherrn, der Mauersteine, Dachziegel, Baustahl, Holz und Röhren möglichst schnell und billig beziehen möchte, durch „Jedermann – Einfuhren“ nicht gedient. Und dem Zeitungsverleger hülfe der Rat nicht, er möge sich doch bei steigendem Preis für Druckpapier an seinen Lieferanten wenden und ihm „gut zureden“, damit dieser das gleiche Verfahren gegenüber seinen Vorlieferanten, bis zum Holz- und Zollstoffexporteur im Auslande, anwende ... Bei der Aktion Erhards handelt es sich nämlich gar nicht um Kapitalgüter und um Stapelartikel mit (psychologisch kaum beeinflußbaren) Weltmarktpreisen: hier handelt es sich vielmehr um inländische Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, für die sich die Verbraucherschaft – notfalls durch Herunterschrauben überspitzter Qualitätsansprüche und letztlich durch Hinausschieben des Kaufes – tatsächlich ein günstigeres „Preisklima“ schaffen kann. Insofern ist die Hoffnung vollauf berechtigt, daß dieser Aktion Erfolg beschert sein könnte, zumal sie ja auf anderen Gebieten durch auf Dämpfung der Übernachfrage gerichteten Maßnahmen der Bank deutscher Länder unterstützt wird.

Ob freilich ein Appell an die Unternehmer, ihr Verhalten mehr nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu orientieren, Erfolg haben kann – nun, das muß abgewartet werden. Bisher hieß es, daß, wer die Haltung der Unternehmer beeinflussen will, zu marktkonformen Methoden greifen muß; dazu gehört, wenn die Voraussetzungen für eine Preissenkung geschaffen werden sollen, daß Möglichkeiten für ein Herabdrücken der Unkosten eröffnet werden; Zweifellos muß man jetzt sehr ernsthaft die Frage der Steuersenkungen zur Diskussion stellen. Mit Vorschlägen für eine Senkung des Einkommensteuertarifs auf der ganzen Linie und den Abbau des Körperschaftssteuersatzes ist dabei freilich in der derzeitigen Situation, solange die Gefahr einer geschäftlichen Überexpansion (und damit einer Gefährdung der Konjunktur) noch anhält, nichts anzufangen. Steuersenkungen sind vielmehr zur Zeit nur als „gezielte Maßnahmen“ denkbar: konjunkturpolitisch neutral, oder (noch besser) den Überschwang der Nachfrage nach Kapital- und Investitionsgütern dämpfend, das Angebot an langfristigem (Spar-)Kapital fördernd. An Vorschlägen hierfür fehlt es durchaus nicht, und sie werden auch Minister Schäffer akzeptabel erscheinen, obwohl er sich zunächst hinter dem Vorwand verschanzt hat, daß er (aus konjunkturpolitischen Gründen ...) nur solchen Steuerermäßigungen zustimmen könne, die „nicht in den Verbrauch gehen“.