Von Stefan Roth

Durch die dunklen Jahre der Abrechnung nach der bedingungslosen Kapitulation leuchtet der Name Victor Gollancz wie der biblische Regenbogen: ein Zeichen der Versöhnung und der Vergebung. Ein Zeichen vor allem für etwas nicht leicht mehr als möglich Geglaubtes in dieser Welt und dieser Zeit: für ein Absolutum von menschlicher Güte, von Nächstenliebe ohne Ansehung der Person. Es bewies sich damals in einer entschiedenen Art des Handelns; es bestätigte sich später auch dem nachdenkenden Intellekt in dem autobiographischen Buche „Aufbruch und Begegnung“ (vergleiche DIE ZEIT Nr. 10, 1954). Gab dieses Buch gewissermaßen die Entwicklungsgeschichte eines Charakters, den wir schlechtweg den „guten Menschen“ nennen können, so bietet erst der jetzt vorliegende zweite Band

Victor Gollancz „Auf dieser Erde. Erinnerungen“. Aus dem Englischen (More for Timoty) übersetzt von Lutz Weltmann, C. Bertelsmann Verlag, 480 S., 14,80 DM.

den noch aufschlußreicheren Einblick in das Werden und Wachsen einer Überzeugung, wie sie solchem Charakter entspricht.

Das Thema dieses Bandes, das Generalthema jedenfalls, lautet nach des Autors eigener Auskunft: „Wie ich Pazifist wurde.“ Damit kann jedoch nicht etwa ein Gesinnungswandel gemeint sein, sondern lediglich die Verdichtung einer angeborenen Eigenschaft des Herzens zum begründeten Inhalt des Bewußtseins. Erst seit dem Abschluß dieses Vorgangs, seit „jenem fürchterlichen Korea unter den Napalmbomben“ fühlt Gollancz sich als aktiven Pazifisten. Seither ist es ihm ein Axiom, daß nur ein grundsätzlicher Umschwung des allgemeinen Verhaltens die Menschheit vor dem sonst sicheren Untergang bewahren kann. Das „Aktive“ an dieser Überzeugung aber ist, daß sie die Kraft eines Glaubens hat; des Glaubens nämlich an die unbestreitbare Möglichkeit eines derartigen Umschwungs, da „der Mensch“ nicht von Natur böse sei.

Gollancz steht nicht allein mit diesem Glauben an die ursprüngliche Gutartigkeit „des Menschen“, dem Glauben an die Möglichkeit einer allmählichen Freilegung der verschütteten guten Anlagen aller, oder wenigstens der meisten Menschen durch die Verbreitung (und Verwirklichung) humanitärer Ideen, ethischer Grundsätze, religiöser Impulse. Er steht nicht allein mit dem Glauben an einen endlichen Sieg des Guten, den er gleichsetzt mit dem Siege der Vernunft; einer Vernunft allerdings nicht nur des Hirns, sondern auch des Herzens. Aber mit den anderen Trägern solches – immerhin – Vernunftglaubens teilt er auch die philosophische Verlegenheit gegenüber dem Dämonischen, dem Übel, dem Leiden und dem wesentlich Bösen in der Welt. Er findet dafür auch keinen theologischen Ort mit seiner Art des – so betonten – Christentums, das er einseitig nur in seiner ethischen Bedeutung. begreifen will, nicht in der transzendenten, der eigentlich religiösen.

Aus dieser Einstellung heraus polemisiert er (übrigens auf eine rührend bemühte, immer liebevoll den vollen Ernst der Sache bedenkende Weise) gegen den bisweilen, individuell überspitzten, nicht unbedingt „amtlichen“ Katholizismus der Simone Weil und läßt sogar das Buch mit einer abschließenden Erklärung gegen die leibliche Auferstehung Christi enden, die ihm ein gleichsam unnötiges, ein überflüssiges Wunder, ehrlich gesagt ein Ärgernis ist. In diesem Punkte zeigt er sich doch ganz als ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts: Sein Wunderglaube(und muß einen solchen nicht jeder Mensch haben, der nicht verzweifeln, mindestens resignieren will?) hat sich unbemerkt von den Ratschlüssen Gottes den Entschlüssen der Sterblichen zugewandt. Denn daran eben glaubt dieser wahrhaft großherzige Mann, daß die Menschen sich nur zu entschließen brauchten, gut zu sein, dem sittlichen Wandel und den Lehren Christi nachzueifern – und sie würden es können, würden es tun, würden dann dabei bleiben, und alles würde Friede, Freude und Liebe sein ...