F.R.S., Bern, Mitte September

Am gleichen Tage, da sich der schweizerische Bundesrat das Recht zur Aufnahme von Anleihen auf dem Kapitalmarkt neu verleihen ließ – durch einen Antrag an das Parlament –, ist hier das Scheitern der Verhandlungen zwischen der Mannesmann AG, Düsseldorf, und einem Bankenkonsortium bekanntgeworden. Diese Verhandlungen, die sich über mehr als zwei Monate hinstreckten, galten der Placierung einer 40-Millionen-Anleihe in der Schweiz, die zur Finanzierung einer Beteiligungsgesellschaft von Mannesmann in Kanada verwendet werden sollte.

Die beiden Ereignisse sind ohne direkten Zusammenhang. Forscht man aber den Gründen nach, die zum Verzicht auf die geplante Anleiheemission führten, so stößt man doch in erster Linie auf die in letzter Zeit günstiger gewordenen Anlagemöglichkeiten in der Schweiz. Der für die 18jährige Wandelanleihe deutscherseits in Aussicht genommene Zinssatz von 4 1/4 v. H. vermochte die Schweizer Banken nicht zu befriedigen. Sie hielten 4 1/2 v. H. für angemessen und verwiesen zur Begründung auf die gegenwärtigen Kapitalmarktverhältnisse, die durch eine stärkere Kapitalnachfrage gekennzeichnet sind; zudem konnten zwei für den Herbst vorgesehene Auslandsanleihen erwähnt werden (30 Mill. Fr. an die California Texas Corporation und 50 Mill. Fr. an Pirelli), bei denen der höhere Zinssatz von 4 1/2 v. H. anscheinend als angemessen erachtet wurde. Die Bank deutscher Länder als Zulassungsstelle für die Mannesmann-Transaktion wollte jedoch nur einen Ansatz von 4 1/4 v. H., bei erhöhter Rückzahlungsprämie, zugestehen. Die Verhandlungspartner einigten sich daraufhin auf die Wiederaufnahme der Diskussion im kommenden Frühjahr.

Es trifft zu, daß der schweizerische Kapitalmarkt im Laufe dieses Jahres stark beansprucht wurde. Bis Ende August wurden ihm für schweizerische Anleiheemissionen 380 Mill. Fr. entnommen, gegenüber 197 Mill. Fr. in der gleichen Periode des Vorjahres. Außerdem wurden für 290 Mill. Fr. Auslandsanleihen aufgelegt. Berücksichtigt man auch die Aktienemissionen, so ergibt sich – unter Abzug der Rückzahlungen – eine Totalbeanspruchung von rund 700 Mill. Fr., gegenüber nur 265 Mill. Fr. in der Vergleichszeit des Vorjahres. An und für sich wäre der schweizerische Kapitalmarkt für einen solchen Geschäftsumfang tragfähig genug; von einer echten Verknappung kann keine Rede sein. Richtig ist vielmehr, daß es sich um eine gewollte Zurückhaltung handelt, um eine künstliche Verknappung, die mit den Tendenzen der „Sterilisierungspolitik“ zusammenhängt. Finanzdepartement und Notenbank haben in enger. Zusammenarbeit mit den Privatbanken seit Beginn dieses Jahres verschiedene Maßnahmen zur Stützung des Zinsfußes eingeleitet, die nun ihre ersten Ergebnisse zeitigen: Bankkredit ist auch in der Schweiz selber etwas teurer geworden, und es war zu erwarten, daß die Banken versuchen würden, eine für die nahe Zukunft erwartete weitere Zinsfußversteifung im voraus zu realisieren. Möglicherweise wurde zudem der Rat der Baseler „Nationalzeitung“ befolgt, „einige Risikoprämiensplitter zum Kapitalzins zu schlagen“. Angesichts der enorm raschen Kapitalbildung in der Schweiz, die bisher noch jeden Versuch der Zinsfußstützung durchkreuzt hat, ist es eine offene Frage, ob die etwas harte Verhandlungstaktik der Schweizer Banken durch die Entwicklung bis zum Frühjahr 1956 gerechtfertigt werden wird.

Es ist der Erwähnung wert, daß besondere Hemmungen außerhalb dieser rein kapitalmarktpolitischen Überlegungen nicht bestanden. Die Fachkreise entwarfen ein günstiges Porträt des vorgesehenen Schuldners und verwiesen auf die konsolidierte Bilanz der Muttergesellschaft. Man geht auch fehl im Urteil, wenn man aus dem Scheitern der Mannesmann-Transaktion auf ein geringes Interesse des schweizerischen Kapitalmarktes an Investitionen im westdeutschen Raum schließen wollte. Die Expansionsbewegung des Schweizer Kapitals nach der Bundesrepublik ist sozusagen kontinuierlich; es wird damit eine Tradition fortgesetzt, die gegenüber dem Deutschen Reich um die Jahrhundertwende eingesetzt hat. Die Aufhebung des von den Alliierten verfügten Investitionsverbots in 1951 war das Signal für die Auslösung einer kräftigen Investitionswelle. Zahlreiche Unternehmen sind in Westdeutschland unter entscheidender Mitwirkung schweizerischer Finanzkreise entstanden, was um so leichter fiel,, als das Vertrauen in die Erhardsche Wirtschaftspolitik durch ein sukzessives Auftauen eingefrorener Konten und die ständige Ausweitung des Handelsverkehrs gerechtfertigt wurde.

Über die Größenordnung des in der Bundesrepublik investierten Auslandskapitals geben Statistiken der Bank deutscher Länder und, spezieller im Hinblick auf die Schweiz, der Zürcher Verrechnungsstelle Auskunft. Nach diesen Unterlagen ist das ausländische Kapital auf etwa 10 v. H. des gesamten Nominalkapitals in Westdeutschland, das 15 Mrd. DM ausmacht, zu beziffern. Die Schweiz steht mit 27,5 v. H. der Auslandsinvestitionen an der Spitze aller Staaten, die in der Bundesrepublik investiert haben. Berücksichtigt man die weniger genau erfaßbaren Beteiligungen, wobei man auf Schätzungen von Experten angewiesen ist, so läßt sich ein Betrag von 500 bis 600 Mill. DM schweizerischer Kapitalien in der Bundesrepublik errechnen. Die „Finanz-Revue“ (Zürich), die kürzlich Angaben über die schweizerischen Kapitalinteressen in Westdeutschland machte, registrierte bei diesem Anlaß die erheblichen Kurssteigerungen der deutschen Werte und das beträchtliche Renditengefälle Schweiz/Bundesrepublik, das nach wie vor besteht. Das Blatt schließt seine Ausführungen mit der Feststellung, daß die „Bereitschaft der amtlichen Stellen, den Komplex der alten Schulden zu bereinigen, und die konsequente Transferpolitik der Bank deutscher Länder mit der Schaffung eines freieren Kapitalverkehrs“ ein „verbessertes Investitionsklima“ geschaffen haben. Trotz des Nichtzustandekommens der Mannesmann-Transaktion darf daher das schweizerische Interesse an vermehrtem Kapitalexport nach Deutschland als verhältnismäßig groß betrachtet werden,