Seine Erinnerungen an Prag beschließt unser Autor Max Brod heute mit einem nochmaligen Rückblick auf jenen Dichter, der ihm von allen, die er kannte, sicher einer der liebsten war: Franz Werfel. In der ZEIT Nr. 32 vom 11. August erzählte er von dem tragischen Grundgefühl Werfels, von dem schüchternen Primaner, der dennoch mit lauter Stimme seine Gedichte selbst vortrug. Heute lernen wir einen anderen Werfel kennen, einen bösen Spötter, der in einer Runde Gleichgesinnter genau wie Heinrich Heine mit Witzen und Anekdoten auch dann nicht zurückhalten konnte, wenn er nicht ganz sicher war, ob sie stimmten.

Neben all den Gaben der hohen Muse war Werfel auch mit einem immer wachen Spott, einem Witz beschenkt, der im Gespräch das Fernste mit dem Nächsten, das Erhabenste mit dem Niedrigsten in eins riß. War er mit in der Kumpanei, so brauchte einem um Unterhaltung nicht bange zu sein. Die schwierigsten philosophischen, sozialen und (leider auch) theologischen Themen wechselten blitzschnell mit boshaft treffenden Bemerkungen’ über Politiker. Vor einem Lyriker, der heute noch keine Ahnung davon hat, daß er gemeint sein könne, sagte er: „Eine tönende Null.“ Auch über mich hat er sich nicht immer liebevoll geäußert. Es wurde mir zugetragen, und ich ärgerte mich begreiflicherweise. Rechtzeitig aber erinnerte ich mich an Heine, der sich auch nie einen Witz verkneifen konnte und nachher nicht verstand, daß jemand ihm sein loses Mundwerk übelnahm.

An Streitpunkten fehlte es uns nie. Da war sein lässiges Hinabschaun auf Wagner, sein bedingungsloses Emporheben Verdis. Ich unterschied scharf zwischen dem jüngeren Verdi, der mich (von Rigoletto und einem herrlichen Finale in „Traviata“ abgesehen) nichts anging, und dem großen Meister der reifen Zeitperiode, die mit „Maskenball“ und „Don Carlos“ beginnt. Der Troubadour, Macbeth und anderes waren mir Alpdrücke. Wagner ist mir trotz aller Theatralik durch seine neuen Akkorde, sein Melos, seinen differenzierten Orchesterklang teuer geblieben. Davon nun wollte Werfel nichts gelten lassen. Mit schmelzender Tenorstimme, die ihm selbst sehr wichtig war, trug er gern Verdi-Arien vor, die er am Klavier mit noch primitiverer Begleitung versah, als der Autor sie geschrieben hatte. Von Werfels Enthusiasmus bei Anhören einer Verdi-Oper erzählten die bösen Zungen: er habe eine Familie, die ihn zur „Macht des Schicksals“ in die Loge geladen hatte, dadurch gestört, daß er leise, aber eindrücklich alle Melodien mitsang. Als man sich zum Schluß verabschiedete, erwähnte eines der Familienmitglieder nebenhin, daß in der nächsten Woche „Traviata“ gespielt werde. „Ach, könnte ich da vielleicht wieder in Ihre Loge kommen?“ fragte der Entzückte. Die Antwort: „Bitte, kommen Sie nur, Herr Werfel. In ‚Traviata‘ haben wir Sie noch nicht gehört.“

Ich erwähnte einmal, daß ich für die erste Hälfte des dritten Aktes „Parsifal“ zehn komplette Jugendopern Verdis gern hingebe. So dumm spricht man in den jungen Jahren. „Ja, ja, Parsifal“, nickte Werfel, „Parsifal hat zwei höchst dramatische Momente. Im letzten Akt, wenn der schwarze Ritter auftritt und schon von der Kulisse aus mit krampfhaften Blicken die Luke im Fußboden sucht, in die er seinen Speer einpflanzen wird. Ferner die Szene, in der Amfortas nach dem elektrischen Knopf und manchmal auch daneben tastet, um, im Gebet versunken, den Gral sanft erstrahlen zu lassen.“ – Es gab eine richtigen Wagner-Krach zwischen uns.

Das Merkwürdige war, daß Werfel auch da,wo er im Grunde verehrungsvoll bewunderte, mit scharfer Ironie nicht sparte. Und sie traf nie ganz daneben, diese böse Ironie. So zum Beispiel im Falle Gerhart Hauptmann, den er liebte, ja anbetete. Das hinderte ihn nicht, gern seine berühmten Hauptmann-Anekdoten zu erzählen, die er wohl größtenteils (so scheint es mir) frei erfunden hat. Zwei seien hier aufbewahrt, man muß sich sie allerdings mit der ganzen schauspielerischen Kraft dargestellt denken, die Werfel in seinen Höhepunkten eignete.

Die erste Anekdote: Am Morgen nach der Premiere eines Hauptmann-Dramas sitzt die ganze Familie rund um den Frühstückstisch. „Also, was da die ‚Neuesten Nachrichten’ schreiben“, sagt Benvenuto, der Sohn, „das läßt sich hören. Schiller und Goethe sind durch Papa in den Schatten gestellt, ein neues klassisches Zeitalter, das eigentliche, ist angebrochen.“ „Das ist noch gar nichts gegen das ‚Berliner Tageblatt‘“, trägt die Gemahlin ihrerseits zur Unterhaltung bei. „Hier werden Homer und Aeschylos zum Vergleich herangezogen und verworfen.“ Vater Hauptmann lächelt zurückhaltend. Da nähert sich ihm der servierende Diener und flüstert ihm nicht ganz leise ins Ohr: „Serviles Machwerk – schreibt die ‚Vossische‘.“

Die zweite: Hauptmann diktiert seine Dramen, sieht den Text niemals durch. Aus dem Diktat wird der Text ins Reine getippt, wandert ungelesen in die Druckerei, von da direkt in die Rollenbücher. Und so ist es passiert, daß Hauptmann in Wien der Uraufführung eines seiner Werke beiwohnt – und folgende Worte einer leidenschaftlichen Liebesszene dringen von der Bühne in die Loge empor: „Celia, wenn Sie nicht ja sagen, so ‚spreche ich Zauberworte, die den Mond vom Himmel reißen. Wenn Sie nicht mein werden, so wird mein Schrei die Flüsse bergauf strömen lassen, – Fräulein, wo haben wir gehalten?“