Von Armin Mohler

Das Ergebnis der Besprechungen von Madagaskar ist noch kein Entscheid. Vielmehr ist die Entscheidung über das politische Schicksal des abgesetzten Sultans Ben Jussef wieder einmal aufgeschoben worden. Die Formel, daß der Sultan sich nach seiner Rückkehr nach Frankreich jeder politischen Tätigkeit enthalten werde, kann von der einen Seite als erster Schritt zu einem Thronverzicht ausgelegt werden, von der anderen Seite als Hoffnung auf eine spätere Rückkehr Ben Jussefs auf den Thron.

Paris, Mitte September

Das Gespenstische an dem nun schon über Wochen sich hinziehenden Streit um Marokko ist die völlige Unvereinbarkeit dessen, was sich in Marokko selbst abspielt, mit dem, was in Paris an Lösungsversuchen eingefädelt wird. In den Medinas jenseits des Meeres wartet ein zu politischem Bewußtsein erwachendes und durch einen halb religiösen, halb politischen Mythos in ständiger Hochspannung gehaltenes Volk darauf, seinen Märtyrersultan Ben Jussef zurückzuerhalten. Und es ist leicht vorauszusehen daß diese Massen einen als Befriedigungsmaßnahme gedachten Thronverzicht des in Madagaskar Exilierten von vornherein als „erpreßt“ ansehen und vielleicht sogar als Signal zu neuen Aufstandsversuchen aufnehmen würden. Um sie herum aber haben sich die französischen Siedler aufgebaut, welche nun auch Waffen erhalten haben und die – zum mindesten, was die Landbesitzer, Beamten und das von dem Fallen der Rassenschranke am meisten bedrohte weiße Halbproletariat betrifft – wild entschlossen sind, sich gegen jede Autonomie für die islamische Bevölkerung zur Wehr zu setzen; Dagegen kommen die Kreise von Industrie und Großhandel kaum auf, welche sich mehr und mehr zur mendèsistischen These bekehren, daß man angesichts der marokkanischen Angewiesenheit auf französisches Kapital und Techniker von einer Autonomie Marokkos innerhalb einer Commonwealth-Struktur weniger zu befürchten habe, als vor dem ständig von Explosionen bedrohten Status quo. Es gäbe keine bessere Illustration für diesen Zustand als das, was sich Ende der Woche in Rabat ereignete: auf das Gerücht hin, daß Ministerpräsident Faure persönlich den amtierenden Sultan Ben Arafa aufsuchen wolle, um ihn gegen seine Kamarilla endlich zum freiwilligen Rücktritt zu bekehren, sammelten sich bewaffnete weiße Banden vor dem Sultanspalast, um dem „Kerl aus Paris“ tätlich ihre Treue zu dem so bequemen Marionettensultan beizubringen.

In Paris hingegen ist der Ministerpräsident seit Wochen gezwungen, einen Eiertanz in klassischem parlamentarischem Stil aufzuführen, um seine Regierung zu retten und die von Mendès-France eingeleitete Befriedungspolitik für Nordafrika ohne allzu einschneidende Konzessionen halbwegs zu Ende zu führen. Und es ist gewiß kein Zufall, daß dieser Ministerpräsident Edgar Faure heißt. Ist er nicht der bedeutendste Staatsmann, den Frankreich heute aufzuweisen hat, so doch gewiß der taktisch geschickteste und listenreichste. Kaum ein anderer brächte es fertig, mit derselben Geduld einen so aufreibenden Zweifrontenkrieg zu führen. Auf der einen Seite muß er auf die parlamentarische Rechte, geführt von seinem Außenminister Pinay und seinen Verteidigungsminister General König, Rücksicht nehmen, für die nun einmal der abgesetzte Sultan der leibhaftige Teufel ist, dessen Rückkehr an die Macht um jeden Preis verhindert werden muß. Ohne diese Rechte besitzt Faure keine Mehrheit mehr. Auf der anderen Seite aber stehen die marokkanischen Nationalisten der PDI (Demokratische Unabhängigkeitspartei) und des Istiqlal und einige Unabhängige, wie Si Bekkai und Ben Sliman, die sich auf das kompromittierende Gespräch mit Frankreich eingeladen haben. Faure hat in ihnen endlich Gesprächspartner gefunden, die nicht bloßkleine Personenklüngel (und mächtige wirtschaftliche Interessen) repräsentieren, sondern mit einem gewissen Recht als Sprecher des marokkanischen Volkes auftreten können. Ohne einen solchen Partner bleibt jede Abmachung über Marokko bloßer Buchstabe. Und gerade diesem Partner zieht man in dem für diplomatische Subtilitäten kaum aufnahmefähigen marokkanischen Volk den Boden unter den Füßen weg, wenn man das Sultansidol antastet. Mögen die Nationalisten noch so viele praktische politische Zugeständnisse mitbringen – sie stehen vor ihren Massen mit leeren Händen da, wenn sie Ben Jussef nicht nach Rabat zurückführen können.

Es sieht nicht so aus, als habe die französische Rechte, die Platzhalterin des Kolonialismus alten Stiles, kapiert, welches Spiel sie eigentlich spielt. Selbst innenpolitische Gegner hatten Pinay jene großzügige Politik zugetraut, welche Positionen aufzugeben weiß, um sie auf anderer Ebene zurückzugewinnen. Er scheint zu Unrecht im Rufe zu stehen, der andere Wundermann.der französischen Politik zu sein. Bisher hat er es auf jeden Fall nicht gewagt, die Rechte über das hinauszuführen, was leider in der Regel ihr einziges politisches Ziel ist: das starre Festklammern am Status quo mit seinen überholten Interessen und Privilegien. Das aber ist Wasser auf die Mühle all jener, die der Meinung sind, eine Rechte, welche im Gegensatz zu den Nachbarländern in 150 Jahren keine Enteignung über sich hat ergehen lassen müssen, auch keine Weltpolitik zu führen wisse.

„Zeit ist Blut“ – das ist das Beste, was bisher zum Marokko-Konflikt geäußert worden ist. Das hinhaltende Lavieren und die Politik der Kompromisse, wie sie in Paris notgedrungen geführt werden muß, haben zu einer gefährlichen innenpolitischen Verschiebung in Marokko geführt. Innerhalb der marokkanischen Emanzipationsbewegung ist die „erste Generation“, welche noch im Sinne des Marschalls Lyautey für eine französisch-marokkanische Symbiose eintrat, längst erledigt. Manche Anzeichen sprechen nun dafür, daß die „zweite Generation“, mit welcher Frankreich zur Zeit im Gespräche steht und welche eine Autonomie „in der Interdépendance“ (also etwa im Sinne von Kanada-England) anstrebt, rapide aufgebraucht wird. Hinter ihr steht schon die radikalere dritte Welle bereit, deren Führer in Kairo sitzen und sich von den in der Heimat gebliebenen „Frankophilen“ mit ihrem auf den französischen Universitäten aufgesogenen laizistischen Geist zu distanzieren beginnen. Das zeigt sich auch im Lande selbst deutlich: in den mehrheitlich arabischen Städten, welche das Haupteinzugsgebiet von PDI und Istiqlal sind, wurden deren Stillhalteparolen bisher ziemlich befolgt, während im vorwiegend berberischen Hinterland größere Unruhe herrscht. Hier hat bisher der durch die Unterdrückung der Kolonialverwaltung behinderte Istiqlal nicht Fuß fassen können. Das hatte zur Folge, daß bei den Berbern, wo man bisher für Frankreich ritt, nun nach dem jäh um sich greifenden Bekenntnis zu Ben Jussef als dem Sultan aller Marokkaner ein Vakuum entstanden ist. Und in dieses Vakuum scheint nun unmittelbar die radikalste Fraktion der Revolution einzuschießen: vom religiösen Fanatismus im Stil der Moslembruderschaften ergriffene und von Kairo ferngelenkte Rebellen, welche Frankreich gegenüber nur noch den „heiligen Krieg“ kennen. Es sieht so aus, als hätte auch diese Revolution ihre Sozialdemokraten, ihre nationalen Kommunisten („Mexikaner“) und ihre im jeweiligen Moskau ausgebildeten Liquidatoren aller anderen zusammen.