Der saarländische Finanzminister Professor Dr. Paul Senf, der am 7. September sein Amt niederlegte, fordert den sofortigen Rücktritt der Regierung Hoffmann. Nur die Auflösung des Landtages und die Bildung einer neuen, vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung erklärte er, könne die innerpolitischen Spannungen an der Saar lösen und eine sachliche Auseinandersetzung ermöglichen. Die Abstimmung bis nach den Neuwahlen, die möglichst schon am 23. Oktober stattfinden sollten, zu vertagen, sei die einzige Möglichkeit, zwischen dem Ja und Nein zu vermitteln.

Professor Senf, der seinen Urlaub auf der Bühler Höhe verbrachte und jetzt nach Saarbrücken zurückkehrt, bekannte sich zwar zu der Außenpolitik des Bundeskanzlers und zum Saarabkommen vom 23. Oktober 1954 („Dieses Abkommen hat uns überhaupt erst die Möglichkeiteiner Entscheidung .gegeben“), fügte jedoch hinzu: „Ob ich selbst mit ja, oder mit nein stimmen werde, will ich, ihnen heute nicht sagen. Die Saarländer werden bei dieser Entscheidung überfordert. Es müßte einwandfrei sichergestellt werden, daß es sich wirklich um ein Provisorium handelt. Die Rückgliederung nach Deutschland darf nicht auf die Dauer ausgeschlossen werden. Wenn man aber auf dem Standpunkt steht, das Statut müsse, falls die Bevölkerung es annimmt, schließlich auch im Friedensververtrag selbst gegen den Willen der Saarländer beibehalten werden, dann ist kein Ja zu. erwarten.“

Die bisherige französische Interpretation des Statuts beruhe nach Senf auf einer falschen Einschätzung der Situation an der Saar; aber nun sei für einsichtige französische Politiker der Zeitpunkt gekommen, sich anders zu orientieren. Dr. Senf will nach Paris fahren und sich dafüreinsetzen; denn „wenn der Bundeskanzler im Interesse der deutschfranzösischen Beziehungen immer wieder eine Vertragstreue beweist, dann sollte man auch von dem anderen Vertragspartner verlangen, daß er die politischen Realitäten sieht und daraus Konsequenzen zieht.“

Es ist bemerkenswert, daß der ehemalige Minister für den Fall, daß die Abstimmung nicht vertagt werde und die Bevölkerung sich für ein Nein entscheide, einen Rücktritt der Regierung Hoffmann voraussagt: „Die Regierung wird zurücktreten müssen, denn sie hat jetzt schon erkannt, daß das Nein auch ihr gilt. Es ist unrealistisch anzunehmen, nach einer Ablehnung könnte der frühere Zustand einfach aufrechterhalten werden. Auch in Frankreich gibt es genügend einsichtige Politiker, die wissen, daß man nicht einfach gegen den Willen der Saarbevölkerung eine Art Kolonialsystem, aufrechterhalten kann.“

Professor Senf, der der Saarregierung vom 17. Juli 1954 bis zum 7. September 1955 angehörte, wird im Wintersemester wiederum an der Universität Saarbrücken Finanzwissenschaft lesen.

Heinrich David