Von Wolfgang Krüger

Die Erhardsche Preissenkungskampagne ist nun seit drei Wochen im Gange. Zu ihrer Kritik haben sich viele Skeptiker gemeldet. Die nächsten Monate erst werden zeigen, ob diese Pessimisten recht behalten. Aber schon heute darf man etwas über die Reaktion sagen, welche der Appell des Ministers an die Wirtschaft – Maß und Disziplin zu üben – in der Öffentlichkeit gefunden hat. „Es ist schon“, so lesen wir in der „Deutschen Zeitung“, die sonst in ihren Auffassungen der wirtschaftspolitischen Konzeption des Bundeswirtschaftsministers zumindest freundlich gegenübersteht, „eine merkwürdige Art von Marktwirtschaft, in der die Disziplin das rationale Preiskalkül der Marktparteien ersetzen soll.“

Das ist ja doch wohl ein arges Mißverstehen der Ambitionen, die der Bundeswirtschaftsminister bei seinen Plänen hat. Wenn er den Gewerkschaften und zugleich den Unternehmern anrät, maßzuhalten in der Ausnutzung lohn- und preispolitischer Chancen, dann ist dies doch nicht so gemeint, daß das von den konkreten Gegebenheiten des Marktes bestimmte Verhalten der Marktteilnehmer nun durch Rücksichten und Erwägungen allgemein menschenfreundlicher Art „ersetzt“ werden soll. Das hieße allerdings nicht nur die Menschen weit überfordern, sondern auch der Wirtschaft und den für die Gesamtwirtschaft Verantwortlichen die Steuerungs- und Orientierungsmöglichkeiten nehmen, die nun einmal vor allem in den nach Angebot und Nachfrage tendierenden Preisen liegen.

Erhard meint etwas anderes. Wenn die Arbeiter zum „besseren Wirt“ und also, wie das etwa auf dem soviel besprochenen Baumarkt der Fall ist, nach dort abwandern, wo bessere Löhne gezahlt werden, dann ist das ein normaler marktwirtschaftlicher Vorgang, den man freilich mit dem Ruf nach mehr Disziplin nicht aufhalten kann. Dazu bedarf es in der Tat „konkreter“ Maßnahmen, wenn man eine solche Fluktuation für ein Übel hält und also abstellen will. Wenn aber – und das soll ja nun vorgekommen sein, und nicht nur in der Bauwirtschaft! – die Unternehmer in bedenkenloser Ausnutzung der auf einigen Gebieten bestehenden und durch öffentliche Mittel hochgedrückten S derkonjunktur ihre Agenten auf fremde Bau-Stellen und in fremde Betriebe schicken, um die knapp gewordenen Arbeitskräfte mit Lohnversprechungen zu ködern, die über die reale Marktlage hinausgehen, dann ist das eine Praktik, die mit richtigem oder falschem Marktverhalten nicht das geringste zu tun hat. Das berührt eine ganz andere Dimension, die allerdings auch für das Bild der heutigen Wirtschaft bestimmend ist und die mit menschlich-moralischen Maßstäben zu messen und anzusprechen man sich nicht scheuen sollte. Und das hat der Bundeswirtschaftsminister denn auch mit deutlichen Worten getan.

Aber das sind ja nur die kleinsten Hechte, die den konjunkturbesonnten Karpfenteich in unnötigen Aufruhr bringen. Es gibt andere Exemplare und andere Erscheinungen, die dem Wort „Disziplin“ einen sehr realen Platz im Geschehen der Wirtschaft anweisen. Unsere Wirtschaft unterliegt in breiten Bereichen einer Fülle nichmarktwirtschatlicher Einwirkungen. Die Löhne und Gehälter Verden schon seit langem nicht nur durch Angebet und Nachfrage bestimmt, sondern auch – und nicht unwesentlich – durch die gesellschaftlichen Machtkonstellationen, die sich um den Markt und seine „Daten“ oft herzlich wenig kümmern. Die Tarife werden nicht am Markt, sondern an den Verhandlungstischen der Marktparteien, nach den Regeln der höheren Strategie, ausgehandelt. Selbst bei der Preisbildung ist nicht nur das rechnerische Kalkül im Spiel, sondern ebenfalls der Druck der Gruppen und die Empfehlungen der Verbände, die den Marktgegebenheiten zu ihren Gunsten Gewalt anzutun sich befleißigen. Ganz zu schweigen von der langen Kette jener Preise, die einer echten Marktentwicklung überhaupt entzogen sind, die also als sogenannte politische Preise vom Staat festgesetzt oder von ihm mit dirigistischen Kniffen, mit Einfuhrschleusen und Zollpraktiken, nach Gesichtspunkten manipuliert werden, hinter denen ja doch recht reale Mächte und Kräfte stehen. Zum Unglück handelt es sich gerade dabei um solche Preise, die in der Diskussion der vergangenen Wochen unter besonders starkem Beschuß der Öffentlichkeit lagen, also um Ernährungsgüter. Hier öffnet sich auch für einen Wirtschaftsminister ein breites Feld für Appelle an die Vernunft und die staatsbürgerliche Verantwortung. Denn das Motto: Macht muß mit Macht bekämpft werden, ist ja doch nicht der Weisheit letzter Schluß.

Diejenigen, die mit dem Bundeswirtschaftsminister hadern, weil er als Wanderprediger in Sachen Moral durch die Lande ziehe, meinen, daß das marktwirtschaftliche Regulativ einer überhitzten Konjunktur nicht bei den mit unverbindlichen Beteuerungen quittierten Appellen an die Disziplin – liegt, sondern bei der Kreditpolitik, also bei jenen handfesten Maßnahmen, mit denen von oben her Einfluß genommen werden kann auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Fakten, die das Handeln des wirtschaftenden Menschen bestimmen. Das wäre richtig, wenn wir eine Marktwirtschaft hätten, wie sie modellgerecht im Buche, also den Lehrbüchern der klassischen Nationalökonomie steht. Das ist nun leider nicht der Fall. Natürlich wäre es abwegig, zu glauben, daß allein mit gutem Zureden der Druck aus den überhitzten Kesseln der Konjunktur genommen werden, könnte. Der Marktwirtschaftler Erhard, der in seiner Vorstellung von der Wirtschaft dem Eigeninteresse einen ja nicht geringen Platz einräumt, dürfte wohl hinreichend dagegen geneigt sein, sich auch nur einen Augenblick dieser Hoffnung hinzugeben. Er hat es darum nicht versäumt, bei seinen öffentlichen Debüts „den Dolch im Gewande“ zu zeigen und erkennen zu lassen, daß er sich notfalls nicht scheuen würde, zur Unterstützung der Bank deutscher Länder auch aus seinem Reservoir wirtschaftspolitischer Instrumentarien einige Attraktionen beizusteuern. Doch Erhard möchte, wenn irgend möglich – und darin sollte man ihn doch richtig verstehen –, es vermieden sehen, daß Staat und Notenbank die zur Verfügung stehenden wirtschafts- und währungspolitischen Mittel in aller Härte einsetzen, um nicht nur den Märkten ihre Stabilität wiederzugeben, sondern darüber hinaus auch noch jene wirtschaftlichen Machtgruppen zur Vernunft zu bringen, die jenseits von Angebot und Nachfrage an den Märkten herumoperieren. Die Kreditpolitik darf nicht überstrapaziert werden. Sie ist keine konforme Maßnahme für Erscheinungen, deren Nährboden auf einer Ebene liegt, die mit dem kaufmännischen Kalkül nichts zu tun hat. Eine Kraftprobe etwa zwischen der Notenbank und den Gewerkschaften wäre zwar ein interessantes, aber gewiß nicht ungefährliches Schauspiel‚ weil es auf getrennten Bühnen vonstatten gehen würde. Käme es dazu, dürfte es keinen Sieger und Besiegten geben. Entweder geht die, Währung dabei kaputt oder die Konjunktur, also jener angenehme Zustand, dem wir heute unsere gute Beschäftigungslage verdanken. Beides wäre gleich verhängnisvoll.

Gespräche und Appelle an die Vernunft und die Allgemeinverantwortung haben also schon ihren guten Sinn, auch aus dem Munde eines Wirtschaftsministers und selbs. in einem System, das wir mit einem zugedrückten Auge Marktwirtschaft nennen können. Man sollte davon nur nicht Wunderdinge verlangen und meinen, daß sich dann alles Weitere erübrigt. Man muß hier also, wie meist, das eine tun, ohne das andere zu lassen. Die Wirtschaft, unsere Wirtschaft, mit der wir es konkret zu tun haben, ist keine Maschine, die man mit einigen Handgriffen bald schneller und bald langsamer laufen lassen kann, sondern ein Organismus, ein sehr.sensibler Organismus sogar, dem man auch einmal von Zeit zu Zeit mit einigen guten Worten zureden darf. Und eben dies tut der Minister jetzt. Sein Versuch ist vielleicht, streng und systemgerecht genommen, nicht marktkonform, dafür aber auf jeden Fall wirtschaftskonform – und darauf kommt es ja doch wohl an.