Die Engländer haben ein Sprichwort You can’t unscramble eggs; wenn man einmal Rührei gemacht hat, dann kann man nicht mehr ganze Eier daraus machen. Mit anderen Worten: Man muß sich klar darüber sein, was man will, ehe man anfängt zu braten.

Waren wir uns denn eigentlich im klaren darüber, was wir wollten und zu gewähren bereit waren, als unsere Delegation nach Moskau abreiste? Die Herstellung diplomatischer Beziehungen ist doch das einzige, was wir zu vergeben haben und was den Sowjets wirklich ungemein wichtig ist. Mußte man da nicht ganz grundsätzlich sagen: diese Konzession nur im Austausch gegen das, was uns am wichtigsten ist, gegen einen Terminkalender für die Wiedervereinigung? War man aber dieser Ansicht, durfte man dann überhaupt fahren, wenn man sich nicht stark genug fühlte, durchzuhalten oder notfalls abzureisen? Warum ist der Kanzler, der sich doch nicht gescheut hatte, starke Worte mit starken Worten zu erwidern, gegen den Rat seiner diplomatischen Experten am letzten Nachmittag umgefallen? Bis dahin hatte er doch stets gesagt, die Rückgabe der Gefangenen sei keine Vorbedingung, sondern gehöre zu der Normalisierung selbst! Und wieso heißt es eigentlich in dem abschließenden Briefwechsel: "Ich habe die Ehre, Ihnen zu bestätigen, daß die Bundesregierung den Beschluß gefaßt hat..., vorbehaltlich der Zustimmung des Bundeskabinetts und des Bundesrates." Was heißt Bundesregierung? Ist der Kanzler die Bundesregierung? Im zweiten Absatz heißt es noch einmal: "Die Bundesregierung bringt die Überzeugung zum Ausdruck..." Im dritten Absatz: "Die Bundesregierung geht hierbei davon aus ..." Nochmals: Wer ist die Bundesregierung?

"Wir wären ja dumm ...!"

Wir zweifeln daran, daß man das Ergebnis von Moskau einen Erfolg nennen kann. Natürlich ist jedermann glücklich, daß die Kriegsgefangenen endlich zurückkehren, natürlich wird sich niemand ad infinitum gegen diplomatische Beziehungen zu dem großen Nachbarn im Osten wenden. Die Frage ist nur: Sind die gegenseitigen Konzessionen wirklich gleichwertig? Und: Ist der Zeitpunkt jetzt, wenige Wochen vor der Genfer Konferenz, wirklich mit Bedacht gewählt?

Die Sowjetunion hatte den Kanzler eingeladen, um die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu besprechen. Der Kanzler hatte darauf geantwortet, er wolle auch über die Wiedervereinigung und die Kriegsgefangenen verhandeln. Aber in Moskau wurde die Frage der Wiedervereinigung von den Russen als völlig abwegig abgetan: "Wir wären ja dumm", sagte Chruschtschow, "wenn wir dazu beitrügen, daß Gesamtdeutschland zur NATO beitritt und dadurch die Kräfte verstärkt würden, die gegen uns gerichtet sind." Und an anderer Stelle: "Warum sollten wir gegen die DDR sein?... Nach unserer Meinung ist die DDR die Zukunft." Schon vorher, auf der Rückreise von Genf, hatten Bulganin und Chruschtschow in Pankow erklärt, nie würden sie zulassen, daß die "Fortschritte und Errungenschaften" in ihrer Zone "preisgegeben" würden. Die Sowjets also werden nicht müde, immer von neuem zu erklären, daß sie die DDR unter allen Umständen als kommunistisches Regime und souveränen Staat erhalten möchten. Das aber heißt: Keine Wiedervereinigung, es sei denn unter östlichen Vorzeichen.

Ein Angebot beim Sekt

Nachdem auf diese Weise der eine deutsche Programmpunkt in der Versenkung verschwunden war, konzentrierten sich die Verhandlungen auf die Rückgabe der Kriegsgefangenen. Die Sowjets verstanden es meisterhaft, diese ihre Kenzession immer höher zu hängen und immer teurer werden zu lassen, bis schließlich am Montagabend bei dem großen Empfang im Kreml zwischen dem achten und dem zehnten Glas Sekt Bulganin den neben ihm sitzenden Kanzler plötzlich erklärte, er könne die Kriegsgefangenen haben, wenn diplomatische Beziehungen hergestellt würden. Wer zugegen war, konnte aus der Anspielung des Kanzlers in seiner offiziellen Rede diesen Zusammenhang kaum entnehmen. Und viele machten sich einen falschen Vers darauf. Noch immer – kurz vor Schluß der Konferenz – war kein Ergebnis in Sicht. Das Treffen schien gescheitert. Wir wissen, daß bei den folgenden Verhandlungen die Ansichten innerhalb der deutschen Delegation geteilt waren: Außenminister von Brentano, Staatssekretär Hallstein und Botschafter Blankenhorn waren gegen das Abkommen, das der Kanzler am Dienstagabend unterschrieb, wobei die Russen dafür sorgten, daß in den offiziellen Dokumenten – dem Kommunique und dem Briefwechsel – nur die deutsche Bereitwilligkeit, Botschafter auszutauschen, aufgenommen wurde, nicht dagegen das sowjetische Zugeständnis hinsichtlich der Kriegsgefangenen und auch nicht die deutschen Vorbehalte.