Das Leben hat seine suggestive Kraft verloren – Die Welt Verwandlung seit 1900

Von Paul Fechter

Der angesehene Berliner Schriftsteller Paul Fechter, der unseren Lesern auch als Mitarbeiter der ZEIT bekannt ist, wurde dieser Tage 75 Jahre alt.

Das zwanzigste Jahrhundert, dessen erste Hälfte eine Weltverwandlung gebracht hat, wie sie kaum ein zweites Säkulum je heraufbeschwor, macht, je weiter wir uns von der Zeitwende von 1900 entfernen, immer neue Klärungs- und Deutungsmöglichkeiten sichtbar, die da zeigen, was wir im geistigen Bereich von Kunst, Dichtung, Wissenschaft in diesen Jahren eigentlich erlebt haben. Von Planck und Einstein bis zu Heisenberg und Otto Hahn stieg die Kurve der neuen Physik, die nicht nur ein völlig verändertes Weltbild brachte, sondern den heute bereits deutlich erkennbar werdenden Zugang zu einer neuen Periode der menschlichen Energieversorgung eröffnete; über der gesteigerten Abstraktion der Mathematik, die diesen Aufstieg ins unendlich Kleine begleitete und überhaupt erst möglich machte, erwuchs sodann eine Welt neuer Kunstversuche, ebenfalls aus dem Abstrakten, besser: dem Geometrischen, hinter denen das bisherige Ringen um die Annäherung an die Natur immer mehr im Hintergrund entschwand. Der alte Entwicklungsbegriff, seit Goethe und Herder, Hegel und Darwin entscheidender Richtungsfaktor sowohl des biologischwissenschaftlichen wie des humanistisch-individualistischen Denkens, verlor mit unheimlicher Geschwindigkeit die Kraft der Glaubensbestimmung, mußte sie an das Sein abgeben, das unmerklich auf fast allen Gebieten des inneren Daseins wieder die Herrschaft antrat. Das Leben, dessen lyrisch begeisterte Hymnen die Zeit von Nietzsche bis zur Lebensphilosophie gesungen hatte, und von dem der Werderausch des Denkens sowohl wie der der Dichtung, der Musik, des Theaters jener letzten großen Kunstepoche seine stärksten Kräfte bezogen hatte, verlor seine suggestive Kraft – mußte sie verlieren, weil all diesen Vorgängen zuletzt ein Prozeß zugrunde lag, der erst jetzt sich klarer abzuzeichnen beginnt. Es ist der Rückzug des Elementaren, dem das halbe Jahrhundert von der Gründerzeit bis zum Jahr 1918 seine stärksten Leistungen und Ergebnisse, zugleich aber auch die stärksten Kräfte der Bildung von Echowelten, das heißt von Gesellschaft und von Publikum verdankte, von denen aus die Bereiche der Kunst, des Theaters, der Musik, ja, zuletzt auch der Wissenschaft überhaupt erst ihr Leben empfangen.

Große Gestalten und großes Theater

Was unterscheidet die Jahrzehnte etwa vom siebziger Krieg bis zum Ende des ersten Weltkrieges sowohl von dem, was voranging, wie von dem, was folgte? Was gibt diesen Jahren die suggestive Kraft, die sie, nach einem klugen Wort Richard Hamanns zur größten Zeit des Reiches machten – jene Kraft, aus der in dieser Epoche eine Reihe von wirkenden und gestaltenden Köpfen größten Formats erwuchsen, die erst etwa im zweiten Dezennium des zwanzigsten Säkulums von Trägern grundsätzlich anders gearteter Energien abgelöst wurden? Was gibt Gestalten wie Wagner oder Richard Strauß, wie Böcklin oder Makart, wie Björnson oder Edvard Munch, was den großen Gründern von Strausberg bis zu Oskar von Miller, von Schichau und Borsig bis zu Siemens und Rathenau (dem Vater) die hinreißende Wirkungskraft, die ihnen half das Gesicht ihrer ganzen Epoche entscheidend zu bestimmen? Sicher, die politische Wendung, die Bismarck, vielleicht der Größte von allen, brachte, die zusammenfassende Einigung der deutschen Landeskräfte, der Sieg über Frankreich und seine nachwirkenden finanzielle! Folgen haben wesentlich mitgewirkt: entscheidend aber war wohl doch etwas anderes. Bestimmend für die Wirkung der Werke all dieser Menschen war, daß in ihnen eine Kraft zur Entfaltung kam, die nun einmal im menschlichen Leben überall eine entscheidende Rolle spielt – die Kraft des Elementaren nämlich, die lebendig unmittelbare Beziehung zum urhaft Vitalen, aus dem die entschadenden gestaltenden und wirkenden Energien des Menschen, nicht nur des Mannes, steigen. Mit gutem Grund stehen neben den Männern jener Zeit Gestalten wie Cosima Wagner und Isolde Kurz, wie Malwida von Meysenbug und Henriette Feuerbach. Die Zeit als Ganzes ist getragen von dieser Kraft des Elementaren, die noch lange fortwirkt, noch um 1900 Männer wie Begas und Bode, wie Peter Behrens und Eugen Diederichs zu ihren Leistungen bringt. Ja, im Grunde lebt von den Ausklang dieses Elementaren noch die ganze Welle des Expressionismus, der diesen Namen verdient und im wesentlichen ein Gestaltungsprozeß im deutschen Umkreis gewesen ist. Ein Maler wie Pechstein hat bis in den Beginn der dreißiger Jahre aus diesem Elementaren gelebt und gemalt, seine Bilder leben aus seiner natürlichen Beziehung zu seinem inneren Besitz an urhafter Kraft, die ganz von selbst im Glück des Malens ohne Wissen und Worte in seine Malerei überging. Erst, als sein äußeres Schicksal in den dreißiger und vierziger Jahren diesen Reichtum zersetzt hatte, verblaßte auch seine Malerei, weil sie zuletzt ebenso auf seinem Leben wie auf seinem Talent gewachsen war.

Pechsteins Lebensgang aber ist ein nicht nur persönliches, sondern ein Zeitschicksal, das hier an einem einzelnen sich enthüllt. Denn dieser Rückzug des Elementaren, der in seinem Schaffer zutage tritt, ist heute und nicht erst heute ein überpersönlicher Vorgang – und im Grunde vielleicht, wenn man von diesem Überindividuellen ausgeht, sogar ein heute ganz sinnvoller. Man stößt mit gutem Grund überall auf ihn; er manifestiert sich im Zurücktreten der Musik und der Dichtung Wagners ebenso wie in den abstrakten Versuchen der Elektronenmusik; er ist Voraussetzung der ganzen abstrakten Kunst, die vielleicht durch ihn immer noch am Leben erhalten ist, obwohl sie ihre prophetische Rolle eigentlich bereits, vor mehr als einem Menschenalter, also noch in der Zeit vor 1914 gespielt und abgeschlossen hat. Er wird spürbar in dem ganzen Zurückweichen der Kunst, des Theaters, der Dichtung aus dem lebendigen Anteil der Zeit, eben weil überall aus diesen geistigen Lebensbereichen das Elementare sich zurückgezogen hat – so sehr, daß bereits die Technik an die Stelle des lebendigen menschlichen Einsatzes treten konnte. Für die Mehrzahl der Menschen von heute ist ein Porträt ganz selbstverständlich eine Photographie, nicht ein Gemälde; für sie ist mit der gleichen Selbstverständlichkeit der Film an die Stelle des Theaters getreten. Ein Schauspieler ist jemand, der im Film zu sehen, dessen Leistung dort photographisch verfestigt ist: der Mann oder das Mädchen, klein, unscheinbar ohne Großaufnahme auf der Bühne stehend, spielt für die Masse keine Rolle mehr. Der Film hat das Elementare, das das Theater, die Schauspieler einst besaßen und aus dem sie eigentlich lebten, aufgesogen, hat es so verdünnt und entwertet, daß es im Grunde überhaupt kein Elementartheater mehr gibt. Das letzte große Theater, das letzte große Schauspiel lebte vor der Filmzeit, eben weil es aus dem Elementaren lebte, das sich nicht photographisch fixieren läßt! Elementares Theater, das war Matkowsky, war Kainz, war Wegener und Jannings, Lucy Höflich und Else Lehmann, Rudolf Rittner und Arthur Vollmer. Es war das Theater, das aus den letzten unmittelbaren Schichten des Lebens aufglüht und die Menschen ohne Widerstand mitreißt, in die fremden Daseinswelten hinein, die sich da oben im Schrei, im Jubel, im stummen Leiden auftaten. Das Elementare in der Raserei Matkowskys, wenn er den Othello spielte, im Jumalai-Schrei des alten Huhn, den Rittner ausstieß, in dem unwiderstehlichen Gelächter Wegeners, wenn er als Rollands Danton, seine Ankläger auslachend, die Tausende von Zuschauern in das gleiche, hemmungslose Gelächter hineinzwang: das war elementarstes, hinreißend urhaftes Theater – vor dem der beste, stärkste, verschwenderisch besetzte Film ebenso zu photographierter Unmittelbarkeit verblaßt wie das beste photographische Porträt, die schönste photographierte Landschaft vor einem lebendigen Gemälde. Sie sind beide dem Leben entzogen, haben keinen Bezug mehr auf das Elementare und können infolgedessen auch nicht zu diesem elementar Unmittelbaren sprechen, die Zuhörer und den Betrachter nicht in diese Urwelt mit hineinverschleppen.