Von Walter Fredericia

„Will man überhaupt die Wiedervereinigung?“ So hieß das Thema des Mittwoch-Gesprichs im Kölner Bahnhofswartesaal, das gerade an Vorabend der Abreise des Kanzlers nach Moskau stattfand. Daß die Sowjets die Wiedervereinigung nicht wollen, das weiß man seit Adenauers Rückkehr nach Bonn. Aber daß die Derschen sie wollen, das muß jetzt desto öfter und lauter ausgesprochen werden. Das Kölner Gespräch über die Wiedervereinigung, mit seinen Tenperamentsausbrüchen und Tumulten, war jedenfalls ein sehr deutlicher Beweis für diesen Villen.

Vor den 700 Menschen, die den Wartesaal des Kölner Hauptbahnhofs füllten, stand neben dem Mikrophon von RIAS auch eines des kommunistischen „Deutschland-Senders“. Als der Veranstalter der Mittwoch-Gespräche, der Bahnhofsbuchhändler Ludwig, das bekanntgab, sagte ein Zuhörer zu seinem Nachbarn: „Dann wird auch die legleitmannschaft dasein, die für den ‚Deutschland-Sender‘ etwas redet – Mikrophone allein stellen die Kommunisten höchstens in Hotelzimmern auf.“ Er hatte recht, wie sich bald herausstellte.

Die Diskussion leitet Dr. Johann Grad ein, Vorsitzender der Exil-CDU der Ostzone jetzt Herausgeber der Westberliner Zeitung Der Tag. Gradl spricht ruhig und sachlich; er erwägt die Gegenstimmen, die auch aus dem westlichen Ajsland manchmal zu uns herübertönen, und die Frage, wie weit es wahr sei, daß die Sucht nach Autos und Motorrädern, der Kampf um den Anteil am steigenden Lebensstandard in Deutschland selbst zu einer Abkehr von dem großen nationalen Problem geführt habe. Dann sagt er das Wort, um das sich nachher die Diskussion heftig entwickelt: „Ich halte ein Gespräch zwischen Bonn und Pankow für sinnlos, weil ich mir nicht vorteilen kann, daß die kommunistischen Machthaber geneigt sind, sich über die Durchführung freier Wahlen zu verständigen, die für sie den sicheren Selbstmord bedeuten...“

Heute weiß man, daß die Forderung nach dem Gespräch zwischen Bonn und Pankow in den folgenden Tagen auch in Moskau eine große Rolle gespielt hat. Die Kriegsgefangenen-Frage war die Peitsche, mit der Bulganin die deutsche Delegation in dieses Gespräch zu hetzen suchte. Eine Situation soll geschaffen werden, in der die Sowjetzonen-Funktionäre – obwohl ihnen doch die Legtimation dazu fehlt – gleichberechtigt neben der Bundesregierung stehen, damit sie, ohne erst mit dem Volk konfrontiert zu werden, die Macht nach der Wiedervereinigung zur Hälfte teilen können. In der kommunistischen Praxis ist aber die Hälfte (mit Volkspolizei, sowjetischem Druck und dergleichen) bald soviel wie das Ganze. Deshalb lauchten in der Kölner Diskussion Erinnerungen an Prag auf. Und deshalb sagt Gradl im Bahnhofs-Wartesaal: „Es gibt keine Konzessionen auf diesem Gebiet!“

Auch die „Begleitmannschaft“ und sonstige Pankow-Anhänger wußten genau, daß dies der Punkt ist. Ein grauhaariger Mann erhebt sich in der ersten Reihe und sagt mit Würde: „Was ist zu tun, um die Wiedervereinigung herbeizuführen? Ich halte es für falsch, die Hoffnung auf das Ausland, zu setzen. Die ausländischen Regienngen werden handeln, wie es ihren Interessen entspricht. Ihnen wird, wenn sie sich über die Abrüstung einigen, nicht nur die Wiedervereinigung unwichtig werden, sondern auch die Existenz der Bundesrepublik überhaupt. Das ist doch nicht eine Aufgabe des Auslands. Die Antwort kann nur das deutsche Volk in seiner Gesamtheit geben, und sie kann nur gegeben werden von den Politikern beider Teile Deutschlands.“

„Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit – das ist richtig“, sagt ein anderer, der den Pferdefuß wohl bemerkt hat. „Aber Adenauer müßte doch mit den Deutschen sprechen können, die frei ihren Willen kundzutun vermögen; wir können doch nicht diese Leute in Pankow als Sprecher der Deutschen anerkennen, die die Sowjetzone in einer ganz anderen Richtung als die Bundesrepublik entwickelt haben und die das deutsche Volk hindern, sich darüber zu äußern.“