Vor sechsunddreißig Jahren erschien in einer Berliner Zeitung ein Bericht mit dem Titel „Probleme der kosmetischen Physik – Antrittsvorlesung von Dr. Lise Meitner“ Der Setzer – oder war es der Redakteur? – hatte sich wohl nicht vorstellen können, daß eine Frau über „kosmische Physik“ referiere. Heute wäre das nichts Besonderes mehr. Oder doch?

Nun: in Deutschland gibt es auch im Jahre 1955 nur eine Frau, die Vorlesungen in Physik halten darf, in Österreich dagegen dozieren drei Physikerinnen, eine in Graz und zwei in Wien, der Stadt, in der Professor Dr. Lise Meitner vor 77 Jahren, am 7. November 1878, geboren wurde. In der weltoffenen, liebenswürdigen Hauptstadt der k.u.k. Monarchie begann Lise Meitner um die Jahrhundertwende das Studium der Physik. Das schmale, zierliche Mädchen bewies damit Mut, denn eine Studentin der Physik gehörte zu jener Zeit beinahe noch in den Bereich der Fabelwesen. Vor allem in Berlin sollte Lise Meitner dies spüren.

Im Jahre 1907 war sie in die deutsche Hauptstadt gereist, um ihre theoretischen Studien bei Max Planck zu vertiefen. Zugleich wollte sie experimentell weiterforschen, weil sie sich schon mit dem von Madame Curie erschlossenen Gebiet der Radioaktivität befaßt hatte. Damals trafen sich der eben aus England und Kanada zurückgekehrte Otto Hahn und Lise Meitner im Institut des Chemikers Emil Fischer. Frauen durften in diesem Institut freilich nicht arbeiten. Otto Hahn mußte erst bei Emil Fischer eine Sondergenehmigung für Lise Meitner erwirken. Zwar wurde ihr erlaubt, in der ehemaligen Holzwerkstatt im Erdgeschoß des Instituts ihre radioaktiven Messungen zu machen, verboten war ihr jedoch, die oberen Säle zu betreten, in denen die Studenten ihre Laborplätze hatten.

Allmählich entstand dann im Erdgeschoß ein Laboratorium für die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit mit Otto Hahn. Lise Meitner, die zunächst nur kurze Zeit in Berlin verbringen wollte, entschied sich, zu bleiben. Sie durfte sich freilich erst nach dem ersten Weltkrieg habilitieren, obwohl schon längst vor 1914 keine Zweifel mehr an ihrer wissenschaftlichen Qualifikation möglich waren.

In der vergangenen Woche hat Lise Meitner nun in München aus der Hand Otto Hahns die höchste Auszeichnung entgegengenommen, die es für einen Naturwissenschaftler außer dem Nobelpreis in Deutschland gibt: den „Otto-Hahn-Preis für Physik und Chemie“. In der Stiftungsurkunde heißt es, der Preis werde verliehen „für einmaligen Verdienst um die Entwicklung der Chemie oder Physik in der reinen oder angewandten Forschung“.

Der Beifall, mit dem die deutschen Chemiker Lise Meitner für ein großes wissenschaftliches Lebenswerk dankten, beeindruckte die Geehrte tief. Sie antwortete: „Wenn ich von den politischen Problemen absehe, habe ich in Deutschland die schönsten Jahre meines Lebens verbracht.“ Mancher Glücksfall und mancher Zufall habe ihr geholfen, bemerkte Lise Meitner bescheiden.

Ihre Arbeit als Forscherin ist indes gekennzeichnet von Genialität und Fleiß. Man kann dabei Lise Meitners Lebensarbeit nicht charakterisieren, ohne zugleich Otto Hahn zu nennen. Drei Jahrzehnte dauerte das gemeinsame Forschen beider Gelehrten im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, bis der Rassenwahn des Dritten Reiches Lise Meitner im Herbst 1938 zwang, nach Stockholm zu emigrieren, wo sie noch heute das Physikalische Forschungslaboratorium an der Ingenieurwissenschaftlichen Akademie leitet, nachdem sie von 1938 bis 1946 am Stockholmer Nobel-Institut für Physik gearbeitet hatte. Im Jahre 1918 entdeckten Lise Meitner und Otto Hahn das Protaktinium, ein natürlich radioaktives Element mit der Ordnungszahl 91 im periodischen System der 91 natürlichen Elemente. Acht Jahre darauf wies Lise Meitner im Experiment nach, daß die Gammastrahlen – harte, energiereiche Röntgenstrahlen – erst nach der Atomkernumwandlung auftreten. Die Zerfallsprodukte des Radiums, Thoriums und Aktiniums gehörten zum wichtigsten Forschungsbereich Lise Meitners. Die Dissertation, im Jahre 1905 in Wien, hatte noch der „Prüfung einer Formel Maxwells“ gegolten. Dem Laien ist der Name Meitner vor allem bekanntgeworden im Zusammenhang mit der Spaltung des Urankerns, die Otto Hahn und Fritz Straßmann kurz nach der erzwungenen Emigration Lise Meitners im Spätherbst 1938 entdeckten. Die Mitteilung Otto Hahns erreichte Lise Meitner im Dezember 1938 in Kopenhagen. Sie telegraphierte die Nachricht an Niels Bohr, der gerade zu einem Physikerkongreß in die Vereinigten Staaten gefahren war. Das Telegramm – es kostete 400 Dollar – war die Sensation des Physikertreffens. Otto Hahn und Fritz Straßmann veröffentlichten eine erste Notiz über ihre Entdeckung am 6. Januar 1939. Kurz darauf publizierte Lise Meitner zusammen mit dem damals 35 Jahre alten, ebenfalls aus Wien stammenden Kernphysiker Otto Robert Frisch – jetzt Professor in Cambridge – eine Arbeit, in der sie die Erklärung für Uranspaltung gaben und die dabei frei werdende Energie berechneten.