In dem neuesten Tätigkeitsbericht des von Professor Dr. R. Prigge geleiteten Paul-Ehrlich-Instituts in Frankfurt am Main, dem staatlichen deutschen Impfstoffprüfungs-Institut, wird die Arbeit an dem Polio-Impfstoff der Marburger Behring-Werke ausführlich dargestellt. Es kann kaum zweifelhaft sein, daß die vom Paul-Ehrlich-Institut ausgearbeiteten Prüfungsbestimmungen die Unschädlichkeit und Wirksamkeit des Impfstoffes fast 100prozentig gewährleisten, eine Auffassung, die sich in diesen Tagen auch auf dem Kinderärztekongreß in Freiburg im Breisgau durchsetzte. Über hunderttausend Kinder, so berichteten die Praktiker, haben die Behandlung mit der Marburger Vakzine gut vertragen, und die ersten Nachprüfungen über die Dauer der immunisierenden Wirkung lassen auch auf längere Sicht günstige Ergebnisse erwarten.

Wissenschaftlich dürften jetzt im Zusammenhang mit der Polio-Impfung einige wichtige Fragen geklärt sein, nachdem in den letzten Monaten in Deutschland dadurch ein etwas grotesker Zustand eingetreten war, daß man sich zwar den amerika –, nischen Salk-Impfstoff beschaffen konnte, um seine Kinder impfen zu lassen, nicht aber den deutschen. Impfstoff. Er war von Behörden gesperrt worden, weil, sich bei einem Tierversuch eine schädliche Wirkung zeigte, deren Ursachen zu klären seien.

Das staatliche Paul-Ehrlich-Institut hat sich monatelang bemüht, dieses Versagen zu ergründen, Es ist ihm nicht gelungen, obwohl die Prüfung an nicht weniger als 110 Tieren und unzähligen Gewebekulturen wiederholt worden ist. Ohne Zweifel hat der Zwischenfall und die verbissene Arbeit der Prüfer auch die Kenntnisse vertieft. So kann das Paul-Ehrlich-Institut jetzt feststellen: „Eine umfangreiche Prüfung einer größeren Stichprobe in der Gewebekultur wird hinsichtlich Exaktheit, Wirtschaftlichkeit und Aussagewert der Methode jeder noch so umfangreichen praktisch durchführbaren Prüfung im Tierversuch überlegen sein. Einer Abschaffung des Tierversuches als Unschädlichkeitsprüfung der Poliomyelitis-Impfstoffe soll jedoch noch nicht das Wort geredet werden. Weitere Erfahrungen werden hier notwendig sein.“

Ein anderer Hinweis in dem Bericht bezieht sich auf die Wirkungsweise des Aluminium-Hydroxyds, das dem deutschen Impfstoff, zum Unterschied von der Salk-Vakzine, zugesetzt wird. Das Aluminium-Hydroxyd soll die Ausschüttung des Impfstoffes in den Organismus verzögern und dadurch die gewünschte Abwehrreaktion des Körpers verstärken. Bei anderen Impfstoffen hat sich diese Methode gut bewährt. Das Paul-Ehrlich-Institut weist auf Untersuchungen im Rockefeller-Institut in New York hin. Dort hatte man gefunden, daß Aluminium Hydroxyd die Vermehrungsfähigkeit des aktiven Poliomyelitis-Virus hemmt.

Dem Virusforscher und Immunbiologen eröffnet sich hier noch ein weites Arbeitsfeld. Für den Arzt indes, der bisher oft ohnmächtig zusehen mußte, wie ein poliokrankes Kind bei vollem Bewußtsein langsam erstickte, weil das Virus die Nervenzellen befallen hatte, ist tröstlich zu wissen, daß es jetzt wenigstens die Möglichkeit gibt, dieser Krankheit vorzubeugen. Ob sie ganz ausgerottet werden kann, wagt noch niemand zu entscheiden. Die Krankheitskurve aber dürfte fallen, daran zweifeln selbst die Skeptiker unter den Medizinern nicht mehr.