Von W. O. Reichelt

Die Politik des vergangenen Jahrzehnts hat das Gesicht des Reviers stark geändert. In der Öffentlichkeit ist zwar immer wieder der Slogan zu hören: Alle Vögel wieder da, alle Vögel, alle – und man meint damit „die Krupps“, „die Flicks“, „die Thyssens“ und andere; die Konzerne entständen wieder, die Industriechefs an Rhein und Ruhr regierten, und die Lage zeige kaum eine Änderung.

So witzig das klingt, so wenig ist diese Version berechtigt. Sicherlich haben in den vergangenen Monaten gewisse Rückverflechtungen – so nennt man den Wiederzusammenschluß jener Industrieunternehmen, die durch die Entflechtungsdiktate der Alliierten in den vergangenen Jahren auseinandergerissen waren – stattgefunden. Doch sind. dies nur Teilerscheinungen einer zur Zeit in voller Bewegung befindlichen echten Neuordnung, die durch die einseitige Entflechtungspolitik herausgefordert worden war. Diese Neuordnung arbeitet aber nicht nach dem Gebetbuch der ersten drei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, sondern führt weit darüber hinaus zu neuen Firmengruppierungen, quer durch Kohle, Stahl und Chemie.

Der Mannesmann-Konzern war der erste, der wieder festgefügt dastand. Er hat seinen Kohlenbesitz durch Zukauf der ehemaligen Flickschen Essener Steinkohlenbergwerke erweitert. Auch die Klöckner-Gruppe hat sich ihren alten Kohlenbesitz wieder an Land gezogen. Doch der Maschinenbau, also die Klöckner-Humboldt-Deutz AG, bleibt weiterhin abgetrennt. Hoesch hat die Rückverflechtung seiner abgespaltenen Kohlenzechen und Weiterverarbeitungsbetriebe (z. B. Orenstein-Koppel) angekündigt. In der Thyssen-Gruppe finden zur Zeit neue Gruppierungen statt, und auch in der Kohle bleibt nicht alles so, wie es auf dem „alliierten Reißbrett“ konstruiert war.

Aber all dies geschieht nicht ohne eine internationale Kontrolle. Jeder Zusammenschluß muß durch die Hohe Behörde in Luxemburg genehmigt oder zumindest ihr zur Kenntnis gebracht werden. Dort achten die „Neun Apostel“ der europäischen Montanwirtschaft genau darauf, daß nirgends wieder Machtzusammenballungen entstehen oder Mißbrauch durch Marktbeherrschung getrieben wird. Andererseits hat die Hohe Behörde bisher in den Ländern der Montan-Union sehr vernünftige Fusions-Entscheidungen getroffen. Dies gilt auch für Zusammenschlüsse in der Bundesrepublik, wo es sich darum handelte, die aus politischen Gründen zerkleinerten Betriebe wieder zusammenzufassen und zu lebens- und wettbewerbsfähigen Unternehmensgrößen zusammenzufügen. Die Industriewirtschaft an Rhein und Ruhr hat bereits in mehreren Fällen den Vorteil aus dieser industriepolitischen Haltung der Hohen Behörde ziehen können.

Hinter dieser Haltung steht allerdings auch eine industrielle Vorleistung erster Ordnung. Dr. Friedrich Flick und Otto Wolff von Amerongen haben ihre Verkaufsauflagen erfüllt und ihre Kehle und ihr Eisen teils an französische, teils an deutsche Interessenten veräußert. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach unterliegt noch der befristeten Verpflichtung, sich von seinen Kohlenbergwerken und Stahlhütten zu trennen, ferner Frau Amelie Thyssen für zwei Hüttenwerke. Dennoch darf wohl gesagt werden, daß der politisch erzwungene Ausverkauf der Ruhr beendet ist. 1955 hat eine neue Ära begonnen, eine Ära, in der sich das, was zusammengehören soll, auch zusammenfinden wird.

Wenn die Konzerne wie Klöckner, Hoerch und Mannesmann ihrer Vorkriegsstatur wieder ähneln, so sind doch die Konzerne Krupp, Gutehoffnungshütte, Flick und Otto Wolff erheblich verändert worden. Die Gutehoffnungshütte ist in drei Komplexe aufgespalten, und zwar in die Kohle unter Generaldirektor Dr. Kost, in den Maschinenbau unter Dr. Hermann Reusch und in die immer noch vom alten Konzern abseits stehenden Hüttenwerke Oberhausen unter Otto August Siering.