Von Christian E. Lewalter

Unsere Zeit ist, mehr als andere, memoirenfreudig, ja memoirensüchtig. Ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts narzißtischer geworden ist als seine Vorfahren? Dafür spräche auch die ungewöhnlich große Zahl von autobiographischen Romanen, deren Verfasser (es sind so bedeutende dabei wie Thomas Wolfe, Henry Miller oder Hans Carossa) die Welt nur noch als Umwelt erleben, sei es, daß sie sich in sie einfügen lernen, sei es, daß sie ihnen zum immerwährenden Anlaß von Protest und Einsamkeit wird. In einem aber scheinen sich fast alle heutigen Selbstporträtisten einig zu sein: sie gehen nicht mehr mit sich selbst zu Gericht. Sie haben sich (das gilt selbst für die Größten unter ihnen) schon vor der Beichte Absolution erteilt.

In keinem Werk der heutigen Memoirenliteratur könnte ein Satz stehen wie der folgende: „So entschloß ich mich nach sechs Tagen Überlegung, das Böse mit Absicht zu tun, was sicherlich das größte Verbrechen vor Gott ist, aber vor den Menschen zweifellos das Klügste, was man tun kann.“ Er kommt in den Memoiren eines französischen Kirchenfürsten des siebzehnten Jahrhunderts vor, des Kardinals Retz, eines der seltsamsten und widerspruchvollsten Männer, von denen die Geschichte weiß. Er hat – obwohl Prälat – nicht nur kein Hehl daraus gemacht hat, daß er bewußt ein völlig ungeistliches, ja unmoralisches Leben geführt hat, sondern er sprach auch in späteren Jahren, als er seine Lebensführung längst den kirchlichen Idealen angepaßt hatte, ohne jede Zerknirschung über die Jahrzehnte seiner erotischen Abenteuer und seiner zynischen Heuchelei. Retz, zweitgeborener Sohn eines Herzogs, wurde wider Willen Kardinal-Erzbischof von Paris aus keinem anderen Grunde, weil diese Würde in seiner Familie erblich war. Sein liederliches Leben war Auflehnung gegen diese vorbestimmte Karriere und herrischer Trotz gegen die ihm aufgenötigte Pflicht zur Heiligkeit. Er wurde einer der mächtigsten Männer der „Fronde“ gegen den Kardinal Mazarin und die Regentin Anna von Österreich, die Mutter Ludwigs XIV. Doch er, die „unkirchlichste Seele, die es gibt“ (wie er selbst von sich sagt), war auch Frondeur gegen die christlichen Grundgedanken der Erbsünde und der Erlösung. Und diese tiefere Fronde gab er auch dann nicht auf, als er, nach langem Kampf und noch längerer Verbannung unterlegen, seinen Frieden mit dem jungen König und mit den geltenden Normen priesterlichen Lebens gemacht hatte. Zwar setzte er seine Umgebung durch ein Leben der Entsagung und Askese in Erstaunen. Aber nichts konnte ihn bewegen, sein bewußt sittenloses Leben von einst zu verwerfen, geschweige denn (wie man ihm nahelegte) es zu verleugnen und vor der Nachwelt zu verbergen.

Eine solche Haltung wird so lange etwas Beunruhigendes für jeden Betrachter behalten, als unser Leben sich in christlichem Horizont vollzieht. Das intensiv fromm gewordene Weltkind, das dennoch mit „Vergnügen“ (so sagt Retz selbst) von seinen Ausschweifungen erzählt – ist es nicht geradezu ein Symbol für den Zwiespalt von freier Persönlichkeit und transzendenter Forderung?

Diesen geheimen tragischen Zug läßt die wunderschöne (und wunderschön übersetzte) Prosadichtung Jean Schlumbergers durchscheinen, die nun auch in deutscher Fassung vorliegt:

Jean Schlumberger, „Kardinal Retz“. Roman. Deutsch von Richard Möring. Ciaaßen Verlag, Hamburg, 173 S., Leinen 9,80 DM.

Schlumberger schreibt aus genauester Quellenkenntnis. Aber was ihn bewegt, ist das, was in den Quellen nicht stehen kann, teils weil Quellen niemals das Bewußtsein ihrer eigenen geschichtlichen Bedeutsamkeit haben, teils weil sie im Falle des Kardinals Retz in eigentümlicher Weise verstümmelt sind. Denn gerade aus der Handschrift der Memoiren sind 250 Blätter herausgerissen worden – was aber nicht so verwunderlich ist wie die Tatsache, daß nicht die gesamten Memoiren vernichtet sind, wie es ja sowohl im Sinne der Familienpietät wie aus Vorsorge für das Andenken eines Erzbischofs von Notre Dame nahegelegen hätte. Eben dies Problem des Zustandes der Memoiren führt aber, wie Schlumberger erkannt hat, unmittelbar auf die Frage nach Wesen und Charakter des wohl merkwürdigsten Memoirenschreibers aller Zeiten.