London, im September

Erhebliche Investitionen kennzeichnen die jüngste Entwicklung der Rohöl verarbeitenden Industrie. Die starke Ausweitung der Raffinerie-Kapazität in den letzten Jahren ist aber keineswegs auf Westdeutschland beschränkt geblieben. Auch in England sind bestehende Raffinerien beträchtlich ausgebaut und neue errichtet worden. Vor dem Kriege betrug zum Beispiel der Ausstoß der beiden von der British Petroleum Company (damals noch Anglo-Iranian Oil Company) betriebenen Raffinerien in Llandarcy und in Grangemouth jährlich jeweils 360 000 c. Dagegen verarbeitete Llandarcy 1952 bereits mehr als das Zehnfache, nämlich 4,2 Mill. t, und Grangemouth etwa 2,3 Mill. t. Es sollte aber in dieser Gesellschaft, an der der britische Staat maßgeblich beteiligt ist, nicht einmal bei dieser enormen Kapazitätsausweitung bleiben. Von 1950 bis 1953 wurde bei Kent, in der Themse-Mündung, eine völlig neue Raffinerie mit einem jährlichen Durchsatz von 4 Mill. t Rohöl errichtet. Die Baukosten dieser Raffinerie werden mit reichlich einer halben Mrd. DM angegeben.

In der gesamten Erdölindustrie ist in der letzten Zeit die Tendenz zu beobachten, das Rohöl nicht mehr dort, wo es gewonnen wird, zu verarbeiten, sondern vielmehr die Raffinerien recht nahe an die großen Verbrauchszentren heranzurücken. Bei der Errichtung neuer großer Raffinerien in England spielte aber auch das wachsende Fassungsvermögen der modernen Tankschiffe eine Rolle. Die neuen Tanker können auf einer Fahrt 30 000 t und mehr Öl transportieren und sind gerade im Rohöltransport vom Nahen Osten nach Europa sehr wirtschaftlich. Der Nachteil dieser Entwicklung liegt in der Notwendigkeit, diesen großen Tankern Anlegeplätze in tiefem Wasser zu schaffen. Aber auch die Anlegeplätze selbst mußten den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Alles ist heute darauf ausgerichtet, das Löschen der Ladung schnell zu besorgen. Von britischen ölfachleuten werden Summen von über 10 000 DM genannt, die es koste, einen großen Tanker auch nur einen Tag unnütz am Quai liegen zu lassen. Die Anlegeplätze der neuen BP-Raffinerie in Kent sind so eingerichtet, daß selbst ein 32 000-t-Tanker innerhalb von 24 Stunden entladen und für seine Rückreise versorgt werden kann. Die Vorzüge des modernen Öltransports scheinen so gewichtig zu sein, daß es die British Petroleum Company in Kauf nahm, als Standort ihrer neuen Raffinerie in Kent ein völlig unerschlossenes, sumpfiges Gelände zu wählen, das zwar im Mündungsgebiet der Themse liegt, aber erst mit erheblichen Kosten aufgeschlossen werden mußte. Zweifellos ist die Standortwahl wesentlich dadurch erleichtert worden, daß die neue Ölraffinerie unweit von London liegt und frachtgünstig diesen ins Gewicht fallenden Markt (einschl. Hafen) versorgen kann. Bei Kostenvergleichen wird gerade von deutscher Seite darauf hingewiesen, daß der Transportweg für Benzin und andere Kraftstoffe von der Raffinerie bis zur Tankstelle nicht unbedeutend sei. So ist auf einer Hamburger Raffinerie gesagt worden, die Notwendigkeit, ihre Fertigprodukte von hier aus bis zu achthundert Kilometer ins Land zu fahren, belaste das Liter Benzin mit zwei bis drei Pfennig.

Die erheblichen Investitionen der Rohöl verarbeitenden Industrie sind aber nur zu einem Teil zur Kapazitätsausweitung verwandt worden. Im Zuge der Neu- und Erweiterungsbauten wurden nämlich erhebliche Mittel auch für die Qualitätsverbesserung der Produkte ausgegeben. Der bloße Anblick einer modernen Ölraffinerie vermag selbst dem Nichtfachmann davon eine Ahnung zu geben, daß die Herstellung von Benzin, Dieselöl, Schmierstoffen, Gas, Heizöl und anderen Ölprodukten keine einfache Sache ist. Das System zahlloser Rohrleitungen erscheint dem ungeübten Auge als ein unentwirrbares Netz. Das gesamte Rohrnetz der Raffinerie in Kent hat zum Beispiel eine Gesamtlänge von über tausend Kilometer. Die Kraftstation einer solchen Raffinerie würde ausreichen, um eine mittlere Stadt zu versorgen.

Besonders die Forderung nach Kraftstoffen mit hohen Oktanzahlen führt zur Entwickung immer neuer Verfahren. Aber auch die Anforderungen an Schmieröl sind gestiegen. Heute verlangen die Kraftfahrer Öle, die bei jeder Temperatur gleichbleibend ihre Funktion erfüllen, dabei den Motor schonen und ihm hohe Betriebsdauer und -sicherheit geben. Es überrascht daher nicht zu erfahren, daß von der Ölindustrie eigene Forscbmgslaboratorien unterhalten werden. Die British Petroleum Company verfügt in der Nähe von London, in Sunbury, über eine Forschungsstelle, in der reichlich sechshundert Personen beschäftigt sind. In der Motoren Versuchsstation werden Vergaser- und Dieselkraftstoffe an Serienmotoren erprobt, desgleichen Motorenöle und Schmierstoffe. Im chemischen Labor in Sunbury ist während des letzten Krieges jenes neue Verfahren entwickelt worden, mit dessen Hilfe es gelang, Flugbenzin von ungewöhnlich hoher Oktanzahl zu produzieren. Die Chemiker sind ständig dabei, neue Wege zu finden, um weniger nützliche Verbindungen in solche von größerer Nützlichkeit umzuwandeln.

An der Entwicklung moderner Motorenschmieröle haben die Verschleißmessungen mit radioaktiven Motorenteilen großen Anteil. Obwohl die Erfahrung vieler Jahre längst zeigte, daß der größte Verschleiß in den Motoren solcher Fahrzeuge eintrat, die fortwährend nur kurze Strecken zu fahren haben, war es bis vor kurzem nicht möglich, die Zusammenhänge genau zu erforschen. Es blieb keine andere Meßmethode als die, den Motor so lange laufen zu lassen, bis soviel Metall von den Kolbenringen oder dem Zylinder abgeschliffen war, daß es sich messen ließ. Auf diese Weise war natürlich dem Verschleiß während kurzer Motorlaufzeit nicht beizukommen. Obendrein mußte vor jeder Messung der Motor auseinandergenommen werden, so daß an der Genauigkeit der Messung auch gezweifelt werden konnte. Die moderne Forschungstechnik bedient sich nun der Tatsache, daß Gußeisen radioaktiv gemacht werden kann. In einem allerdings Zeit beanspruchenden Verfahren wird ein normaler Kolbenring radioaktiv gemacht und dann im Prüflabor in den Kolben eingepaßt. Während die Maschine läuft, wird in der Schmierölwanne des Motors laufend die Zunahme der Radioaktivität gemessen. Die Radioaktivität nimmt hier im gleichen Maße zu, wie sie beim radioaktiven Kolbenring abnimmt. Auch die kleinsten vom Kolbenring abgeschabten Metallteile sind so meßbar infolge ihrer Radioaktivität,

Mit Hilfe dieser Methode ist es in Sunbury möglich, Motorlaufzeiten selbst von nur Minuten Dauer genau auf ihre Abnutzung zu prüfen. Ein ebenso großer Vorteil des neuen Meßverfahrens liegt darin, daß es nun nicht nach jedem Test nötig ist, den Motor auseinanderzunehmen. Eine der ersten Feststellungen, die mit Hilfe der neuen Meßmethode gemacht werden konnte, war die erstaunliche Tatsache, daß der Motorverschleiß (bei normalem öl) in den ersten zehn Minuten genau so groß war wie der während der nächsten sechs Stunden Laufzeit des nun warmen Motors. Es ist selbstverständlich, daß diese Erkenntnisse auf die Zusammensetzung der neuen Schmieröle tiefgreifenden Einfluß hatte.

Diese Versuche seien hier nur als Beispiel dafür angeführt, welche Probleme immer wieder auf die Rohöl verarbeitende Industrie zukommen und in welchem Ausmaß sie sich damit befaßt. Während die Raffinerien und ihre Laboratorien noch daran arbeiten, immer hochwertigeres Motoren- und Flugbenzin zu entwickeln, befassen sich bereits andere Abteilungen mit der Vervollkommnung jener Kraftstoffe, die heute von den modernen Militärflugzeugen und morgen auch von der zivilen Luftfahrt gebraucht werden. Ganz allgemein wird damit gerechnet, daß innerhalb der nächsten zehn Jahre der Marktanteil des Benzins um etwa drei bis vier v H zurückgehen und dafür der Anteil der mittelschweren Gruppe (hier rangieren auch die Dieselkraftstoffe) entsprechend zunehmen werde. Schon das allein bedeutet für die Raffinerien neue Investitionen -td