Vom 5. bis 9. September trafen sich in Konstanzmehr als 300 Meinungsforscher aus aller Welt, um über ihre Arbeit zu konferieren. Wie je och entsteht die sogenannte „öffentliche Meinung“? Diese Frage versucht der Verfasser zu beantworten. Seine Ausführungen eröffnen einige bemerkenswert; Perspektiven.

Vor einiger Zeit veröffentlichte die westdeutsche Presse folgende Meldung: Auf die Frage eines deutschen Meinungsforschungsinstituts: „Halten Sie Maßnahmen für die Errichtung eines zivilen Luftschutzes in der Bundesrepublik für notwendig oder nicht für notwendig?“ antworteten 67 v. H. aller Befragten mit „notwendig“, 29 v. H. mit „nicht notwendig“. 4 v. H. äußerten keine Meinung. Befragt wurde ein repräsentativer Querschnitt der erwachsenen Bevölkerung des Bundesgebietes. Ähnliche Ergebnisse sind jedem aufmerksamen Zeitungsleser geläufig. Hier geht es jedoch nicht um die Ergebnisse. Es kann, auf Grund der angewandten Erhebungsmethode, nicht daran gezweifelt werden, daß sich darin tatsächlich die Meinung der westdeutschen Bevölkerung widerspiegelt. Wichtig indessen ist die Feststellung, daß bei all diesen Befragungen nur ein relativ kleiner Anteil der Befragten „keine Meinung“ äußerte. Untersucht man jedoch die gestellten Fragen, so erkennt man, daß es sich in der Regel um umfangreiche und verzwickte Probleme handelt, zu denen nur ein sehr kleiner Personenkreis auf Grund seiner besonderen Kenntnisse ein fundiertes Urteil abgeben könnte.

Und doch stellen die Meinungsforscher immer wieder fest, daß der Arbeiter zur Frage der Montan-Union, der Bauer zu der der Investitionskredite, der Beamte zur Frage der land wirtschaftlichen Preispolitik eine fest umrissene Meinung vertritt. Wenn aber diese Personen zu derartigen Fragen eine Meinung vertreten, woher stammt dann diese Meinung? Bevor die Meinungsforscher ihre Befragungen durchführten und eine Bestandsaufnahme der gegenwärtig herrschenden Meinung vornahmen, muß sich ein Prozeß der Meinungsbildung vollzogen haben. Welche Gesichtspunkte spielen bei der Bildung dessen, was sich in den Befragungsergebnissen der Institute als „öffentliche Meinung“ manifestiert, eine Rolle?

Vergegenwärtigen wir uns die folgende Situation: Tag für Tag ist jeder Mensch auf den verschiedensten Gebieten seines Lebens Fragen gegenübergestellt, die seine Entscheidung verlangen. Und immer handelt es sich um Dinge, die man erst nach längerem Studium und auf Grund besonderer Kenntnisse lösen kann. „War es richtig, daß die deutsche Fußballmannschaft nach Moskau fuhr? Wie soll man sich zu Berthold Brecht stellen? Freiwirtschaft oder Planwirtschaft? Sollen Jungen und Mädchen in der Schule gemeinsam erzogen werden? Welches von zwei Rundfunkgeräten gleicher Preis-, klasse ist besser? Soll der kleine Hausgarten im Frühjahr gedüngt werden oder im Herbst?“ Vergegenwärtigen wir uns: Bei jeder dieser Fragen – und im Laufe des Tages kommen noch viele hinzu – soll eine Antwort gefunden werden und nicht nur das: Sie muß auch vertreten werden können!

Natürlich könnte der vor diese Entscheidungen gestellte Mensch sich ausgiebig mit solchen Fragen beschäftigen. Vermutlich würde er dann zu einem einigermaßen fundierten Urteil kommen. Doch kann er das wirklich? Natürlich nicht! Ihm fehlen Zeit und Voraussetzungen, alle diese Probleme zu verfolgen. Zu einer Entscheidung jedoch muß er kommen! Das Gefühl des „Ich weiß es nicht, ich kann es nicht entscheiden!“ ist ihm unbehaglich: Er übernimmt unbewußt eine andere Meinung und macht sie zu seiner eigenen. Und wer glaubt, es handle sich hier um ein „modernes“ Problem, irrt: 400 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung mußte Sokrates den Giftbecher trinken: Sein „Ich weiß, daß ich nichts weiß!“ mißfiel den Athenern ...

Woher also nimmt der Mensch seine Meinung? Und übernimmt er sie wahllos? Nun, offensichtlich nicht. Vielmehr müssen die geistige Haltung des gebenden und des nehmenden Teils übereinstimmen. Hierbei stellt man fest, daß sich jeder Mensch innerlich verschiedenen Gruppen zugehörig fühlt, etwa denen der Arbeitnehmer, der Angestellten, der Bewohner des Dorfes A., der Mitglieder der Firma B., der Liebhaber klassischer Musik, der Taubenzüchter, der Nationalisten usw. Innerhalb dieser Gruppen bilden sich Meinungen, die der Mensch zu kennen glaubt und denen er sich anschließt. Für die Heftigkeit, mit der der Mensch die Meinung übernimmt und vertritt, ist die Position bedeutsam‚ die der Mensch innerhalb der jeweiligen Gruppe einnimmt.

Die Frage nach der Position innerhalb solcher Gruppen führt zu der Feststellung, daß es jeweils eine Person oder einige, wenige Personen gibt, die die Meinung der gesamten Gruppe auf Grund ihres Ansehens entscheidend beeinflussen. Es sind dies die „Meinungsbildner“, die „opinion leader“, wie der englische Fachausdruck lautet. Wer sich mit Fragen der Meinungsbeeinflussung beschäftigt, wird notwendigerweise immer auf diese Personen treffen und sich Gedanken über ihren Einfluß machen müssen. Es lag nahe, den Versuch zu unternehmen, allgemein gültige Normen zu suchen, Persönlichkeitsmerkmale zu bestimmen, die einen Menschen befähigen, als „Meinungsbildner“ hervorzutreten Alle diese Versuche mußten scheitern. Sie mußten scheitern, weil man die Frage Führender – Geführte in enger Wechselbeziehung zueinander sehen muß. Nicht nur die Persönfichkeitsmerkmale des Führenden sind für die Anerkennung innerhalb der Gruppe entscheidend, sondern in genau so starkem Maße die Interessen, Erwartungen, Erfahrungen und Ziele der Gruppe. So kann, um ein Beispiel zu nennen, ein Angestellter, der innnerhalb dieser Gruppe eine absolut untergeordnete Rolle spielt und sich der Meinung dieser Gruppe anschließt, im Kreis der Gartenliebhaber durchaus eine „meinungsbildende“ Position einnehmen. Klugheit, Energie und Wissen sind eben nicht objektiv meßbar, sondern sind abhängig von den Erwartungen der Umwelt. So ist der Meinungsbildner lediglich zu kennzeichnen als eine Person, die auf Grund ihrer Stellung innerhalb einer Gruppe in der Lage ist, die Meinung der anderen Gruppenmitglieder zu beeinflussen.