m. s., Landshut

Hexen-Peter“ nennen die Dorfbewohner von Oberergoldsbach bei Landshut den finster blickenden, schweigsamen Mann, aus dessen Mund sie seit fünf Jahren kein einziges Wort mehr gehört haben. Gemieden wird er von allen. Mit scheuen Blicken mustern die Oberergoldsbacher den „Hexen-Hof“ am Dorfeingang, den der 44jährige Bauer Peter Meier mit seiner zehn Jahre alteren Schwester Zenz allein bewirtschaftet. Denn kein Knecht und keine Magd würde sich auf. den „Hexen-Hof“ verdingen.

Erst 1940 war Peter Meier aus der Nähe von Freising nach Oberergoldsbach gekommen und hatte den Hof gekauft. Als er einberufen wurde, zog seine Schwester Zenz auf den Hof: eine hagere, unscheinbare, bissige Person. Unverehelicht und ebenso schweigsam wie der Bruder. 1946 kam Peter Meier aus der Gefangenschaft zurück. Auf seinem Hof ging der Pfarer ein und aus. Allwöchentlich schritt er mit dem Weihwedel durch die Ställe. Vieh und Getreide gediehen prächtig. Noch schienen die Geister gebannt. Dorfgastwirt Alfons Beck erinnert sich heute noch ganz genau: damals holte sich der Meier-Peter bei ihm zum ersten- und zum letztenmal eine ganze Maß Bier. Der Spuk begann erst, als nach der Währungsreform die Besuche des Pfarrers ausblieben und dieser das Dorf verließ.

„Du hast mir meine Hühner verhext“! schrie eines Tages mit wutverzerrtem Gesicht der Bauer Meier, als ahnungslos der 72jährige Vater des Gastwirts am Hof vorüberging. Bald sprach es sich im ganzen Dorf herum, was sich in Ställen und Scheunen des Bauern Meier zutragen sollte: kaum gelegte Eier sollten sich plötzlich in giftig gelben, schweflig riechenden Rauch aufgelöst haben. Die Nachbarn aber wußten es besser: Zenz harte die Eier heimlich im Nachbardorf verkauft.

Der Meier-Peter begann sich zu verbarrikadieren: rostige, über Kreuz aufgestellte Sensen, – nach alter Überlieferung Schreck aller Hexen – schufen den „Bannkreis“ rund um den Hof. Mit dichten Läden schloß er die Fenster, so daß kein Lichtstrahl mehr eindringen konnte. Vergebens klopften Getreide- und Viehhändler an die schwere Haustür: sie öffnete sich für niemand mehr.

Nicht für Nacht steht seit dieser Zeit „Hexen-Peter“ vor dem einzigen Stalltor und hält Wache, finster und schweigend, bis der erste Sonneistrahl auf das Dorf fällt. Denn dann haben die Hexen ihre Macht verloren. Wenn die Dorfbewohner in den frühen Morgenstunden mit ihren Ochsengespannen aufs Feld ziehen, sehen sie Hexen-Peter müde und zerschlagen ins Haus wanken. Gedämpft hört man das Vieh in den Ställen brüllen. Hexen-Peters Weiden bleiben schon lange leer. Die Kühe sehen kein Tageslicht mehr. Das hat jetzt den Tierschutzverein alamiert. Als der Bezirksveterinärarzt mit Hilfe des Landpolizisten Hartenberger auf den Hof eindrang, bot sich um ein erbarmungswürdiges Bild: wie in einem Treibhaus standen die Tiere in ihrem dunklen, stickigen Stall. Alle Türen- und Fensteröffnungen waren – bis auf eine – zugemauert. Und selbst diese, eine Doppeltür, hatte Hexen-Peter mit Lumpen abgedichtet, damit kein „böser Geist“ eindringen konnte. Vorsichtig schloß er eine Hälfte der Tür, ehe er die andere öffnete. „Die Kühe sind verhext, sie geben keine Milch mehr“, das waren die einzigen Erklärungen des Bauern für seine eigenartigen Maßnahmen. Jetzt soll er für Lüftung sorgen. Tut er es nicht, soll ihm das Vieh weggenommen Werden. Er baute inzwischen zwar eine Gattertür, aber eine schwere Häckselmaschine versperrt wieder den Eingang.

Kopfschüttelnd sehen auch in diesem Jahr die Dorfbewohner, wie das Korn in der glühenden Spätsommersonne verdorrt. 1953 ließ der Bauer zum erstenmal den Roggen stehen, Hagel zerschlug seine Ernte, weil er keine Hand rührte, sie einzufahren. Seine Erklärung: auf dem Getreidefeld lauern die Hexen. Die Saat blieb liegen und ging im nächsten Jahr wieder auf. Heute steht nahezu wieder das gesamte Getreide ungemäht aufdem Feld.