Die Grundtypen menschlichen Benehmens im Laufe der Weltgeschichte II. Das Gleichgewicht von Körper und Geist

Von Harold Nicolson

Der berühmte englische Schriftsteller und Essayist Harold Nicolson wird als der Autor der im Auftrag der englischen Krone geschriebenen Biographie König Georg V. besonders häufig genannt. Wir beenden heute den Vorabdruck aus seinem soeben in London erschienenen neuen Buch „Good Behaviour“ (Gutes Benehmen), aus dem wir in unserer letzten Ausgabe einige Gedankengänge veröffentlichten, die sich für den Autor während seiner Untersuchung der verschiedenen Typen der Höflichkeit im Laufe der Weltgeschichte ergaben.

Der römische Patrizier soll nach der maßgeblichen Ansicht Ciceros ständig seine Würde zur Schau tragen und selbst in seinem Gesichtsausdruck Schicklichkeit und Anstand demonstrieren. Er soll reserviert, unerschütterlich, stark sein. Aber Cicero, der selbst ein Gelehrter war und mit viel Freude Kunstwerke sammelte, reiht weder Geschmack noch Intelligenz in die für einen römischen Patrizier wesentlichen Eigenschaften ein, und auch dem Mitleid schenkt er nur im Vorbeigehen Beachtung. Das Ideal der gravitas umfaßte sicherlich viele bedeutende menschliche Tugenden, aber es enthielt nicht die Beweglichkeit des Intellekts, die die republikanische Ordnung gerettet haben könnte, als die Diktatoren kamen.

Viel Würde, wenig Intelligenz

Wenn wir die traurige Geschichte des Zusammenbruchs der Republik lesen, haben wir den Eindruck, daß die Patrizier nicht so sehr aus Mangel an Tugend oder gar Mut versagten, sondern aus Mangel an einer Intelligenz, die sich veränderten Umständen anzupassen versteht. Die Kaiser verzichteten daher auf die Dienste der alten Patrizier mit ihrer gravitas und verwalteten ihren Staat mit Hilfe von Freigelassenen, die hauptsächlich griechischer, syriher oder afrikanischer Abstammung waren. Die alten Quinten verschwanden oder ergaben sich dem angeborenen römischen Laster des Schlemmens und der Völlerei. Das war kein edles Ende, und der Zusammenbruch der ganzen Theorie war zum größten Teil auf der Tatsache begründet, daß man auf der Suche nach einem uniformen Charaktertyp vergaß, die Kinder zu lehren, sich den Veränderungen, die kommen mußten, geistig anzupassen.

Ganz etwas Ähnliches geschah während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, als die Public Schools allmählich völlig beherrscht wurden von Ernst, Kraftchristentum und dem Kult des Sports. Auch hier lag das Schwergewicht mehr auf dem Charakter als auf der Intelligenz, mehr auf Uniformität als auf Originalität. Ich behaupte sieht, daß das schlecht war. Immerhin versorgte dieses System den Staat und die geistigen Berufe mit einem Nachwuchs, der sich bestens den Notwendigkeiten und den Bedingungen der Epoche anzupassen verstand. Ich muß allerdings sagen, daß es ein einschränkendes und kein befreiendes System war und daß es Unglück, Enttäuschung und völlig unnötige Minderwertigkeitsgefühle bei vielen begabten Jungen mit sich brachte.