Von Gösta v. Uexküll

Finnland hatte das Glück, in Stunden der größten Not Männer zu finden, die zu Rettern ihres Vaterlandes wurden. Als der Statthalter des Zaren, Bobrikow, 1904 versuchte, das autonome Großfürstentum Finnland in eine russische Provinz zu verwandeln, stand eines Tages der junge Senatsbeamte Eugen Schauman vor ihm und streckte ihn mit drei Pistolenschüssen nieder. Auf der Treppe zum Ausgang des Gouverneurpalastes machte Schauman dann seinem eigenen Leben ein Ende. Den Entschluß, Bobrikow zu töten, hatte er allein gefaßt und allein ausgeführt. Monatelang vor dem Attentat mied er seine Freunde. Seine einzige Gesellschaft war der Tod, der des Tyrannen und der eigene.

Anderen Schnitts, aber gleichen Materials sind die anderen Männer, denen Finnland seine Existenz und seine Freiheit verdankt: Mannerheim, Svinhufvud, Kallio, Paasikivi. Jeder Name ist ein Kapitel finnischer Geschichte und das Stichwort für eine Rettung aus Not: der Not des Bürgerkrieges, der Lappo-Revolution, des Krieges 1939/40, des Kriegse 1941/44 und der Folgen zweier Niederlagen.

Im Februar 1940, als die Mannerheim-Linie schon durchbrochen war, fragte ich einen finnischen Offizier, wie der Krieg wohl weitergehen werde. „Unsere Frauen und Kinder schicken wir nach Schweden, wir selbst gehen in die Wälder“, war die Antwort. In die Wälder gehen, bedeutete Partisanenkrieg. Es war die Kriegsart, die damals eben neu entdeckt war und welche die Russen mehr als alles andere fürchteten. Auf solche Landsleute konnte sich Paasikivi, der zur gleichen Stunde in Moskau mit Stalin und Molotow für einen erträglichen Frieden kämpfte, verlassen. Die Verhandlungen waren damals noch heimlich.

Zwei Wochen später begegnete ich Paasikivi auf einer Pressekonferenz in Helsinki. Auf dem Tisch, zwischen uns Presseleuten und Paasikivi, stand eine kleine finnische Fahne auf halbmast. Paasikivi berichtete von seinen Moskauer Verhandlungen. Kurz und sachlich, als handle es sich um den Geschäftsbericht einer Bank. Paasikivi leitete zwanzig Jahre lang Finnlands größte Privatbank.

Die Bedingungen, die Paasikivi aus Moskau mitgebracht hatte, waren hart, härter als die des sowjetischen Ultimatums, dessen Ablehnung durch Finnland drei Monate früher zum Krieg geführt hatte. – „Warum haben Sie damals nicht nachgegeben?“, so hatte Molotow in Moskau gefragt, und so fragten nun – nachdem der Krieg verloren war – viele „gute Freunde“. Heute fragt niemand mehr; denn die Geschichte hat längst eindeutig zugunsten Finnlands entschieden: Diejenigen Länder, die, wie die baltischen Staaten, im Vertrauen auf Moskaus Versprechungen nachgegeben haben, sind von der Landkarte der freien Völker verschwunden. – Es gibt Augenblicke, in denen der Schwächere nur die Wahl hat, entweder nein zu sagen, auch auf die Gefahr hin, den Stärkeren zu „beleidigen“, oder sich selbst preiszugeben.

Der erste Eindruck, den man von Paasikivi gewinnt, ist der einer großen klugen Eule, doch die freundlich blinzelnden Augen, die beim Abnehmen der Brille zum Vorschein kommen, haben gar nichts Nächtlich-Eulenhaftes. Auch als Bote der Niederlage auf jener Pressekonferenz in Helsinki war Paasikivi alles andere als niedergeschlagen. Er wußte, daß er erreicht hatte, was zu erreichen war, und daß Finnland weiter leben würde. Alles andere würde die Zukunft ergeben. Das Ringen in Moskau um die Friedensbedingungen war dramatisch genug gewesen. Molotow hatte erklärt, Finnland habe durch seine Ablehnung des Ultimatums von 1939 die Sowjetunion „herausgefordert“ und Schdanow, der Stalin zu diesem Krieg überredet hatte, forderte Genugtuung für den schweren Prestigeverlust der Roten Armee. Beide bestanden auf einen „harten Frieden“, aber Stalin war anderer Ansicht. Ihm hatten die Finnen imponiert, und ihm imponierte auch die Sicherheit und Ruhe ihres Abgesandten Paasikivi. Er fand es besser – und auch klüger –, den Großmütigen zu spielen.