E.R.S., New York, im September

Die Maiserträge je Flächeneinheit sind in der amerikanischen Landwirtschaft mehr als doppelt so hoch wie in der UdSSR. Um mehr als 50 v. H. werden auch die sowjetischen Vieh- und Schweinebestände von den hiesigen übertroffen, und die Zahl der in der Sowjetunion benutzten landwirtschaftlichen Maschinen beträgt kaum mehr als ein Zehntel der hier in Betrieb befindlichen. Diese Vergleichszahlen ergeben sich aus Schätzungen für 1955, wie sie in diesen Tagen von der „New York Times“ veröffentlicht worden sind. Zu berücksichtigen ist dabei, daß die UdSSR fast dreimal so groß wie die Vereinigten Staaten ist, und daß die sowjetische Bevölkerung die amerikanische bei weitem übersteigt.

Viel mehr jedoch, als diese Zahlen erkennen lassen, haben die amerikanischen Landwirte in Erfahrung gebracht, die von einer fünfwöchigen Studienreise durch die UdSSR vor kurzem nach Hause zurückgekommen sind. Aus ihren Beobachtungen geht hervor, daß von einer landwirtschaftlichen Krise – einer Ernährungskrise also – in der Sowjetunion keine Rede sein kann. Allerdings ist die Ernährung einseitig und schließt wenig Fett und Fleisch ein, aber die Bestrebungen von Chruschtschow und seinen Mitarbeitern sind darauf gerichtet, in dieser Beziehung Verbesserungen zu erreichen. Einer Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität steht offenbar mehr als alles andere die sowjetische Form der Betriebsführung im Wege: die viel zu große Kollektivform unter zentraler Befehlsgewalt, die die Initiative des einzelnen ausschließt und deshalb gelegentlich zu grotesken Ergebnissen führt; so beispielsweise, wenn zum Zweck der schnellen Beschaffung von Viehfutter Mais geerntet werden muß, ehe er reif ist, der aber nachher – eingelagert wird, weil es eben doch nicht so eilig war. Die unnötigen Verluste, die durch solche Maßnahmen veranlaßt werden, sind in Ländern mit privatwirtschaftlichem Landwirtschaftsbetrieb schwer verständlich und in ihrer Tragweite wohl überhaupt nicht übersehbar.

Beeindruckt waren die Amerikaner von der großen – nach dem hiesigen Stande der landwirtschaftlichen Betriebsführung viel zu großen – Zahl von Menschen, die in der sowjetischen Landwirtschaft beschäftigt wird, und von dem wenig rationellen Einsatz der vorhandenen Maschinen, die auch nicht immer als besonders zweckmäßig angesehen werden können’. Nach Ansicht amerikanischer Landwirtschaftsexperten ist die Mechanisierung der sowjetischen Landwirtschaft noch weit zurück, und es fehlt vor allem an Traktoren, eine Feststellung, die auch von den Landwirten aus der UdSSR gemacht worden ist, die ihre Fahrt durch das Farmland der Vereinigten Staaten nunmehr beendet haben.

Es sind führende Männer aus der sowjetischen Landwirtschaft, die der Kreml nach hier geschickt hatte: als Leiter der Gruppe der geschäftsführende Landwirtschaftsminister V. V. Matskevich, und daneben Männer aus der landwirtschaftlichen Praxis, die sich in der Leitung großer Kollektivfarmen ausgezeichnet hatten; ferner prominente Vertreter der landwirtschaftlichen Maschinenindustrie und der landwirtschaftlichen Presse. Sie haben hier das Familienfarmsystem mit seiner weitgehenden Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch hochqualifizierte Maschinen kennengelernt, mit seinen fortgeschrittenen Produktionsmethoden und seiner hohen Produktivität. Immer wieder staunten sie über die geringe Zahl der Arbeitskräfte, mit denen die amerikanische Landwirtschaft auskommt, und über den Ersatz der menschlichen Arbeit durch Maschinen gerade auch in solchen Fällen, in denen es sich um besonders ermüdende Tätigkeit handelt, wie beispielsweise bei der Kartoffelernte und u. a. der Zuckerrübenernte. Die sowjetischen Landwirte haben viele Fragen gestellt und ausführliche Aufzeichnungen gemacht. Ihr Interesse erstreckte sich gleichermaßen auf den Getreideanbau, die Vieh- und Schweinezucht, die hier gebräuchlichen landwirtschaftlichen Maschinen und auf Fragen der Produktivität.

Aus den Ausführungen, die Matskevich nach Beendigung der Reise auf einer Pressekonferenz in Washington gemacht hat, geht hervor, wie sehr er von der Superiorität der hiesigen Landwirtschaft beeindruckt war; er sprach u. a. von der hier vorgefundenen rationelleren Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte, von der weit fortgeschrittenen Mechanisierung der Betriebe, von den besseren Methoden in der Geflügel- und der Schweinezucht und auch von den Fortschritten im Maisanbau. Sicherlich werden die Russen dies überall zu Hause Berichten, und ihre Ausführungen und Vorschläge werden starke Beachtung finden. Man wird versuchen, die überlegenen Methoden und die geeigneteren Maschinen Amerikas in der sowjetischen Landwirtschaft einzuführen und wird wahrscheinlich damit auch gewisse Erfolge erzielen.

Die Vorteile des hiesigen Systems aber und der amerikanischen Familienfarm, deren Bewirtschaftung so völlig auf die Initiative und die freie Entscheidung des Besitzers abgestellt ist, werden kaum in Moskau zur Sprache kommen. Auch wenn die Besucher aus der UdSSR sie selbst in vollem Ausmaß verstanden haben sollten – und hierüber kann man verschiedener Ansicht sein –, so wird Moskau doch nie in eine Auflockerung des gegenwärtigen landwirtschaftlichen Systems einwilligen können: die politischen Konsequenzen wären für das System zu bedenklich. Gerade darauf aber käme es an, denn die hohe Produktivität der amerikanischen Landwirtschaft, die man in der Sowjetunion so gern erreichen möchte, ist dort undenkbar, solange der derzeitige sowjetrussische Landwirtschaftsbürokratismus mit seinen riesigen – die optimale Betriebsgröße weit übersteigenden – Farmen erhalten bleibt.