J. H., Paris, im September

Der deutsch-französische Handelsverkehr hatte schon vor den Besprechungen Adenauer-Mendès-France eine bedeutende Ausweitung erfahren. Dies war vor allem auf den Umstand zurückzuführen, daß Westdeutschland einen Teil seiner Nahrungsmittel einführen muß und Frankreich einen bedeutenden Agrarüberschuß aufweist. Sonst stehen sich freilich beide Wirtschaften in stärkste: Konkurrenz, gegenüber, denn beide wollen Fertigwaren ausführen und müssen Rohstoffe importieren. Der Warenverkehr wurde jeweils – soveit es sich um kontingentierte Waren handelte – durch einen Handelsvertrag geregelt, der immer nur sechs Monate Gültigkeit hatte, langwierige Verhandlungen erforderte und oft sogar rückwirkende Geltung bekam.

Zum erstenmal wurde jetzt ein langfristiger Vertrag abgeschlossen, der für verschiedene Wirtschaftszweige beider Länder auf längere Zeit hinaus gesicherte Absatzmärkte schafft. Für die französische Agrarwirtschaft hat der neue Vertrag eine wesentliche Bedeutung: Sie bekommt nun endlich für verschiedene Produkte konstante Absatzmöglichkeiten auf die Dauer von dreieinhalb Jahren. Ähnliche Verkaufsverträge hatte Paris für die französischen Landwirtschaftsprodukte bisher nicht erreichen können. Allerdings wird gerade der Agrarexport nach der Bundesrepublik innerhalb der französischen Agrarproduktion eine Vereinheitlichung der Produktion nach bestimmten Normen beschleunigen und so zugleich die Voraussetzungen für einen verstärkten Agrarexport etwa auch nach Großbritannien schaffen. Aber man verwahrt sich in französischen Kreisen sehr energisch gegen die da und dort aufgestellte Behauptung, Frankreich würde mit dem neuen Handelsvertrag zum Nahrungsmittellieferant der Bundesrepublik. Man wehrt sich dagegen, innerhalb der europäischen Wirtschaft die Rolle des Nahrungsmittelproduzenten zu übernehmen. Man will auch weiterhin die Schwer- und Leichtindustrie ausbauen. Ob aber die französische Wirtschaft, wenn sie zum hauptsächlichsten Europa-Lieferanten für Agrarprodukte werden würde, nicht wesentlich mehr Erfolge erreichen könnte, als gegenwärtig in ihrer Rolle als Exporteur auch von Industrieprodukten?

Man nimmt an, daß sich das gegenwärtige Austauschvolumen in jeder Richtung um etwa 250 Mill. D-Mark in beiden Richtungen erhöhen wird, vor allem infolge der Verdoppelung der von Westdeutschland zugesagten Bezüge von Weizen auf 500 000 t und von Futtergetreide auf 200 000 t. Die seinerzeit bei den Pariser Besprechungen erwogene Beteiligung der deutschen Industrie am Ausbau der Wirtschaft in der Union Française und vor allem an der Industrialisierung Nordafrikas hat sich vorläufig nicht konkretisiert. Es ist schon damals vor einem zu großen Optimismus gewarnt worden, und die Skepsis deutscher Wirtschaftskreise diesem Problem gegenüber hat sich als begründet erwiesen. In Paris verfolgt man den Plan, die Territorien der Union Française – soweit das eben geht – als Absatzmarkt der einheimischen Industrie vor der ausländischen Konkurrenz abzusperren.

Wenn man von der Einfuhrerhöhung an Weizen und Futtergetreide absieht, ist es den Franzosen nicht gelungen, die übrigen Einfuhrkontingente für Agrarprodukte zu erhöhen. Das bisherige jährliche Kontingent für Trinkwein in der Höhe von 21 Mill. DM wurde auf Grund der tatsächlichen Einfuhr im Vorjahr in ein Mengenkontingent verwandelt, soweit es rote und weiße Tafelweine betrifft. 1954 wurden 173 000 hl. Rotwein und 154 000 hl. Weißwein geliefert. Es ist vorgesehen, daß 60 v. H. der zu liefernden Weine sogenannte Weine der „Appellation controlée“ sein sollen; 40 v. H. sollen Weißwein und 60 v. H. Rotwein sein. Das bisher in einen obligatorischen und einen fakultativen Teil gegliederte Fleischkontingent in Höhe von 52,5 Mill. DM ist durch ein Festkontingent von 42 Mill. DM ersetzt worden, während das Speckkontingent von 16,8 auf 11 Mill. DM reduziert wurde.