Paris, im September

Für die Offiziere des ersten Weltkrieges, die in den verschiedenen Ländern noch überleben, muß heute vieles unverständlich sein. Da werden im Ernst Armeen geplant, in denen der Fahneneid durch einen Arbeitsvertrag ersetzt wird. Und in Paris hat sich gerade gezeigt, daß anscheinend Meutereien nichts mehr sind, was das Staa:sgefüge erschüttert wie noch 1917, sondern einfach Betriebsunfälle, die einkalkuliert werden müssen. Wie hätte sonst das französische Verteidigungsministerium, verlautbaren können, es habe sich um gar keine Meuterei gehandelt, als kürzlich in einem Pariser Bahnhof 600 Luftwaffensoldaten den Zug, der sie nach Marokko führen sollte, mit der Notbremse immer wieder zum Stehen brachten?

Im offiziellen Kommentar und den offiziösen Erläuterungen der regierungstreuen Presse wurde daraus ganz schlicht ein Mangel an Organisation: es seien eben zu wenig Offiziere und Unteroffiziere dabei gewesen, um die nach abgeschlossener Ausbildungszeit von neuem einberufenen Soldaten von der Kaserne zum Bahnhof zu geleiten. Außerdem sei der Zug nicht gleich weggefahren, sondern die Eingezogenen hätten zwei Stunden Zeit gehabt, sich in den Bistrots der Bahnhofsgegend mit ihren Angehörigen auszusprechen und sich die Sache zu überlegen. Die plumperen Argumente wurden zaghafter vorgebracht: daß 600 Soldaten in einem so maßvollen Land wie Frankreich betrunken waren, ist recht unglaubhaft. Und: kommunistische Agitatoren sind immer da – es kommt nur darauf an, ob sie Erfolg haben oder nicht. So bleibt denn der Eindruck, daß es für den Staat offenbar ganz selbstverständlich geworden ist, bei den aufgebotenen (und in diesem Fall „Marokko den Marokkanern!“ rufenden) Soldaten den Widerspruch zu den Zielen des sie aufbietenden Staates vorauszusetzen. Das Pariser Volk war denn auch, wo man von der Affäre sprechen hörte, innerlich auf der Seite der 600 Soldaten. Diese selbst wurden am Tag darauf mit Flugzeugen – die keine Notbremsen haben – nach Marokko gebracht, wo notabene die „Rädelsführer“ und die Begleitkader abgeurteilt werden sollen.

Im übrigen werden die Sechshundert sich vor dem Militärgericht darauf berufen können, daß ihr politischer Vorgesetzter, der Minister der nationalen Verteidigung, in der vergangenen Woche auch nicht viel mehr Sinn für die res publica gezeigt hat. General König hat nämlich zum Erstaunen der Öffentlichkeit einer auf die Marokkopolitik zielenden Tadelsmotion gegen seinen eigenen Ministerpräsidenten Beifall geklatscht, ohne doch, wie das erwartet werden konnte, seinen Schlüsselposten zur Verfügung zu stellen. Im Gegenteil: in einem Kommuniqué bezeichnete er jene Tadelsmotion als verpflichtend für jeden französischen Patrioten und damit auch für die Regierung selbst. Soll man vom Schützen Asch mehr Disziplin verlangen als vom Kriegsminister? Arnim Mohler