Der Artikel „Soldatentum und Bildungsschicht“ von Gustav Vechna in Nr. 35 der ZEIT hat eine Reihe sehr lebhafter Gegenäußerungen hervorgerufen, von denen wir hier einige veröffentlichen, weil sie für die Argumente charakteristisch sind, mit denen besonders die jüngere Generation ihre Skepsis gegenüber der allgemeinen Wehrpflicht begründet. Wir beschließen den Abdruck dieser Zuschriften mit einer redaktionellen Stellungnahme, die das politische Problem einbezieht.

Sehr geehrter Herr Vechna!

Wir, das sind Studenten in den Hörsälen. Wir, das sind Lehrlinge in den Betrieben. Wir, das sind junge Angestellte hinter Schreibtischen. Wir, das sind Schüler in Tausenden von Schulklassen. Wir, das bin ich, Jahrgang 1922.

Als ich Ihren Aufsatz „Soldatentum und Bildungsschicht in Nr. 35 der ZEIT gelesen hatte, la mußte ich mich ganz schnell vergewissern, ob ein wirklich das Jahr 1955 schreiben. Hätte mein Vater den Aufsatz vor 40 Jahren gelesen, vielleicht hätte er darauf nicht zu antworten gewußt. Aber so und heute....!

Sie verstehen nicht die Staatsverdrossenheit der sogenannten Bildungsschicht? Sie verstehen nicht die Zwiespältigkeit der deutschen Jugend, ihre Gewissensnot, ihre fatalistische Haltung?

Es ist Ihnen unverständlich, weshalb sich die gebildeten Stände unseres Volkes nicht am ehesten wieder von dem Schock erholt haben, den die totale Niederlage von 1945 ausgelöst hat. Mir ist das nicht unverständlich. Eine totale militärische Niederlage bedeutet auch eine geistige Niederlage. – Das deutsche Volk war bereit, sich bis zur Selbstaufopferung für seine Idee zu schlagen. Diese Idee war falsch. Als es das erkannte und begann, die Trümmer der totalen militärischen Niederlage wegzuräumen, da mußte auch der geistige Ballast eines verlogenen „Jahrtausends“ über Bord geworfen werden. Gerade die geistige Schicht unseres Volkes, jene, die man die sensible nennt, konnte sich das Brackwasser dieses „Staatsglaubens“ nicht wie Hunde aus dem Fell schütteln. Denn schließlich waren ja auch sie, die doch am ehesten zu einer leidenschaftslosen Prüfung der damaligen Lage befähigt gewesen wären, dem Rattenfänger von Braunau gefolgt. Das erforderte ein Sichbesinnen, eine Neuorientierung. Und aus Trümmern etwas Neues, Brauchbares zu bauen, dazu bedarf es nicht nur der Klärung und Sichtung, dazu erfordert es vor allem Zeit.

Wenn die deutsche Bildungsschicht Staatsverdrossenheit zeigt – so schließen Sie messerscharf –, wie soll dann unsere „gebildete Jugend“ begreifen, daß zur „vornehmsten Pflicht“ eines jeden Staatsbürgers die Verteidigung des Vaterlandes gehört? Wir glauben eher, daß zur vornehmsten Aufgabe eines Staatsbürgers, ganz gleich welchen Landes, die Aufrechterhaltung des Weltfriedens gehört.