Wem Gott ein Auto gab, dem gab er keineswegs immer auch Verantwortungsgefühl. Sonst würden nicht allein auf deutschen Straßen monatlich rund tausend Menschen ums Leben kommen. Natürlich ist nicht immer der Autofahrer schuld, oft genug kann er nichts dafür: ein Kind läuft ihm in die Fahrbahn, ein Radfahrer kommt unerwartet aus einer Seitenstraße oder fährt nachts ohne Licht, ein Lastwagen ändert die Fahrtrichtung, ohne Zeichen zu geben, die Bremsen versagen oder die Straße ist vereist. Von Schuld im juristischen Sinne wollen wir hier auch gar nicht sprechen, selbst der leichtsinnigste Autofahrer „mordet“ nicht; aber er tötet, schließlich auch sich selbst.

Als die Menschen noch allesamt zu Fuß gingen und ihre gefährlichsten Waffen Steinbeile waren, befanden sich ihre Gefährlichkeit und ihr Verantwortungsgefühl noch einigermaßen in der Waage. Seitdem hat unser Verantwortungsgefühl vielleicht ein wenig zugenommen (so barbarisch, daß wir uns mit Steinbeilen umbringen, sind wir jedenfalls nicht mehr!), unsere Gefährlichkeit aber ist ins Riesenhafte gewachsen. Atombombe oder Druck auf das Gaspedal sind moderne Totschlagsmöglichkeiten, bei denen unser Verantwortungsgefühl nicht mehr mitkommt. Bereits unsere Einbildungskraft versagt; denn wer macht es sich schon klar, was 11 565 Tote und 314 894 Verletzte (die vorjährigen Straßenopfer in Deutschland) bedeuten? „Jedes Jahr eine kleine Stadt zu einem Haufen blutiger Leichen zusammengeschlagen...‚

jedes Jahr eine Großstadt wie Kiel oder Karlsruhe ein Lazarett von Verletzten und Verkrüppelten“, schreibt Bischof Dibelius in einem Brief an die evangelischen Pfarrer, der mit den Worten schließt: „Du sollst nicht töten!“ G. U.