g. t., Bayreuth

In Speichersdorf nahe Bayreuth wurde ein neues Schulhaus gebaut, räumlich ausreichend, einen vierklassigen Unterricht durchzuführen. Der Gemeinde wurde trotzdem die Auflage gemacht: im neuen Gebäude zwei Parallelschulen zu errichten – eine zweiklassige katholische und eine dreiklassige evangelische. Die Elternschaft, begreiflicherweise auf dem Standpunkt, daß vier Jahre in Einzelklassen ein besseres und fundierteres Wissen zu vermitteln vermögen als ein Zwei- oder Dreiklassensystem, berief eine Bürgerversammlung, in der sich am 27. Juli auch wirklich von 107 erschienenen Elternpaaren 100 mit Entschiedenheit für eine Gemeinschaftsschule von vier Klassen aussprachen.

Man war hier der Auffassung, daß in einer Demokratie einem mit 97prozentiger Mehrheit gefaßten Beschluß ein positives Echo werden müsse. Man wandte sich an die Regierung in München – und erhielt viele Wochen später, nur wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres, den bedauernd ablehnenden Bescheid: dem Wunsche von selbst 97 Prozent der Elternschaft könne keinesfalls Rechnung getragen werden, da nach § 10 der Schulordnung Anträge solcher Art mindestens drei Monate vor Beginn eines neuen Schuljahres gestellt werden müßten.

Sogleich beriefen die Eltern eine neue Versammlung, in der einmütig beschlossen wurde: den Entscheid der Regierung unter keinen Umständen anzuerkennen, um so weniger, als er erst zwei Tage vor Schulbeginn – offenbar ganz bewußt verspätet, um einem wirksamen Einspruch vorzubeugen – eingegangen und bekanntgegeben war. Auch der anwesende Landrat, der allerdings für eine Entscheidung nicht zuständig ist, konnte lediglich zur Mäßigung raten, wußte jedoch weder der Empörung der Elternschaft noch den temperamentvollen Ausführungen des zweiten Bürgermeisters Werner Porsch etwas entgegenzusetzen, der die entstandene Lage kurzweg als „Schulchaos“ bezeichnete, da es den Eltern nicht zugemutet werden dürfe, ihre Kinder, die bisher die vierklassige Schule im Nachbarort Kirchenlaibach besucht hatten, jetzt in eine zwei- oder dreiklassige Schule umzuschulen. Man einigte sich schließlich darauf, eine Delegation, bestehend aus eben dem zweiten Bürgermeister Porsch als dem Vertreter der Gemeinde und dem Apotheker Wilhelm Demuth als einem Vertreter der Elternschaft, nach München zur Regierung abzuordnen, um dort wenigstens ein Provisorium für eine kommende Gemeinschaftsschule einzuhandeln. Die beiden Männer brachten nichts mit nach Hause als eine nachdrückliche Belehrung: daß Paragraphen weit schwerer wiegen denn Untertanen wünsche.

Eine nochmalige Versammlung wurde einberufen, und nun erst gingen die Wogen der Empörung hoch. Ein Schulstreik drohte. Aber der erste Bürgermeister Fritz Kettl beschwor seine Gemeinde zu bedenken, welch schwerwiegende Folgen solche Unbotmäßigkeit für sie haben könne! Er sprach von Staatskrediten, Schlüsselzuweisungen und landesobrigkeitlichem Wohlwollen – und man beschied sich. Der Staat hat folgsame Untertanen, und Speichersdorf hat statt einer vierklassigen Einheits- eine zweiklassige katholische und eine dreiklassige evangelische Schule. Dem Gesetz ist Genüge getan.