erl., Unkel, im September

Die Frage, ob es noch Romantik am Rhein gibt, muß mit „Ja“ beantwortet werden. Sie ist auch durch die gesteigerte Technik nicht von den Ufern des Stromes verdrängt worden. Vielmehr wird sie von den Besuchern des Rheines und unter ihnen vor allem von den Ausländern, die feste Vorstellungen von der Rheinromantik haben und sie unbedingt in diesem Tal finden wollen, hierher mitgebracht. Diese ausländischen Reisenden fallen am frühen Morgen in den Abfahrtsstätten Köln und Düsseldorf in Scharen ein, fast immer sorgfältig landsmannschaftlich geordnet, damit man sie ja nicht falsch einschätzt, mit den Länderfarben oder irgendeinem Abzeichen geziert, das laut verkündet, woher sie kommen. Sie gehen sofort in die Speisesäle und warten geduldig auf das ihnen von den Reisebüros vorausbestellte Frühstück. Dann kommt eine große Frühstücksschlacht in Gang. Danach strömen die Reisegruppen an Deck, und dann zeigt sich, daß die Romantik auf dem Rhein und am Rhein noch nicht ausgestorben ist.

Diese Amerikaner, Engländer, Dänen, Schweden, Schweizer und Belgier, die die Sehnsucht an den Rhein führte, sind es, die sich neue Rheinmärchen schaffen, indem sie Filme drehen mit Gruppen, die sie sich an den Landungsbrücken zusammenstellen. Sie sind es, die an Bord zuerst tanzen. Sie sind es, die in schwärmerische „Ahs“ und „Ohs“ ausbrechen, wenn irgendein Weinort am Rhein sich zu einer auffallenden Werbung mit viel Farben, Menschen und Krach aufgerafft hat. Sie sind es, die ganze Batterien von Kofferradiogeräten auf den Decks aufstellen und die Rheinreise mit den widerstrebendsten Tönen untermalen. Sie sind es, die sich das, was sie unter Romantik verstehen, großzügig erlauben und hervorzaubern.

Zwischen den ausländischen Touristen gibt es deutsche Reisegesellschaften, die ihrerseits mit Schunkeln und Rheinliedern die Rheinromantik wachhalten. Stumm und mild lächelnd sitzen abseits Einzelgänger und genießen „ihre“ Rheinfahrt, die meist eine Reise zu irgendeiner Idee ist, die sie seit Jahren hegen. Aber den Grad der romantischen Haltung und Stellungnahme bestimmen die Dänen und Holländer, die Schweden und Schweizer, die Engländer und Belgier, die Amerikaner und Franzosen, die in überwältigender Zahl überall, sogar auf den Schiffen des Lokalverkehrs, anwesend sind.

Diejenigen, die ihnen freundlich entgegenkommen, stehen ganz ohne Romantik fest auf dem Boden der Tatsachen. Wo auch nur erkannt wird, daß sich nennenswert viel Ausländer einfinden, sind schon die Leute zum Begrüßen da. Sprachkundig ist man am Rhein immer gewesen. Zur Realität des Daseins gehört es, daß man alles tut, um die Gäste zufriedenzustellen. An den verschiedensten Stellen sind in den letzten Jahren Sessellifte oder kleine Bergbahnen neu gebaut, die jene Ausflügler die Rebenhänge hinauftragen, die auch für den kleinsten Spaziergang und für die Besteigung der niedrigsten Hügel zu bequem sind. Man hat viele Gaststätten erneuert, ergänzt, vermehrt. Man hat jede Jubiläumsmöglichkeit überprüft, um immer neue Festspiele und Ortsfeste zu erfinden und einzurichten. Die fast zwei Dutzend weißen Schiffe der Rheinschiffahrt bieten täglich weit über 40 000 Plätze an. Man spielt an Bord das Loreleylied, wenn das Schiff abends am erleuchteten Bonn vorbeizieht, wo sich die Riesenbauten der Ministerien im Strom spiegeln. Diese Klangkulisse macht deutlich, wie sehr auch im politischen Raum die Sehnsucht nach Romantik lebt.