Wenn wir in diesen Tagen voll Spannung auf die zugesagte Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion warten, so trägt all unser Hoffen und unsere Freude auf diese Heimkehrer einen berechtigten nationalen Charakter. Über Zonen und Grenzen hinweg ist das ganze deutsche Volk in dieser Freude vereint – eine Tatsache, deren Erkenntnis uns gerade in dieser an echter Gemeinsamkeit so armen Zeit nicht deutlich und wichtig genug sein kann.

Fast jeder von uns hat im Familien- oder Freundeskreis einen Heimkehrer, auf den er nun „mitwartet“, und es drängt uns, dieser Freude Ausdruck zu geben. Unsere Mitfreude gilt all den Eltern, Frauen, Geschwistern und Kindern, die eine harte und tapfere Wartezeit hinter sich haben und die nun von aller Ungewißheit erlöst werden sollen. Unser Mitempfinden gilt den Heimkehrern und ihren nächsten Angehörigen, für die diese Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nicht Heimkehr im echten Sinne sein kann, für die sie oft überschattet ist von bitterer Enttäuschung, von Einsamkeit und menschlichem oder politischem Irren. Und vergessen wir schließlich in diesen Tagen auch jene Eltern, Frauen und Kinder nicht, die bisher und auch jetzt wieder vergeblich warten und um die es weiter einsam bleiben wird – für sie muß alle Freude ringsum doppelt schmerzlich sein. Wem nun all dies stille Sich-Mitfreuen und Mitfühlen nicht genügt, wen es, ohne direkte Angehörige unter den Heimkehrenden zu haben, danach drängt, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, für den gibt es einen sehr ernsten „Trost“: Sie, die vielleicht schon in den nächstenTagen im Rampenlichtallgemeiner, nationaler Freude stehen, werden unsere Hilfe noch brauchen – früher oder später, dort, wo wir’ihnen gerade begegnen werden: wenn der erste Taumel der langersehnten Heimkehr vorbei ist.

Seien wir uns doch darüber im klaren: Wer zurückkehrt, ist noch nicht heimgekehrt!

Treffen wir sie nicht oft genug, Zurückgekehrte aus den Jahren seit Kriegsende, die nach einem jubelnden Empfang im Grenzlager trotz staatlicher, vielleicht auch menschlicher Hilfestellung nicht zurückgefunden haben in den Alltag? Heimkehrer, die oft genug hinter Verbitterung und Enttäuschung verschanzt ein Leben führen, aus dem alle echte Freude und Dankbarkeit gewichen scheint? Und wie leicht sind wir geneigt, mit Worten wie „Er hat’s halt nicht geschafft“ oder „Hat den Anschluß nicht mehr gefunden“ zur Tagesordnung überzugehen und uns „akuteren Fällen“ zuzuwenden. Wir sollten diese starke Welle der Mitfreude eines ganzen Volkes jetzt dazu ausnutzen, nicht mit falscher Sentimentalität, aber mit persönlichem Einsatz neuen wie auch alten Rückkehrern aus der Gefangenschaft zu wirklicher Heimkehr zu verhelfen und nicht alle diesbezügliche Hilfe vom Staat allein erwarten.

Lange genug haben wir von dem schweren Schicksal einer zehnjährigen Kriegsgefangenschaft gesprochen – vergessen wir all diese Schwierigkeiten, wenn der Alltag kommt, nicht zu schnell, seien wir nicht zu hart in unserer Kritik in bezug auf berufliche Vorbildung, auf menschliches wie auf politisches Versagen, halten wir zurück mit dem Schlagwort „zu alt“. Bieten wir, jeder im Bereich der eigenen Möglichkeiten, den Zurückkehrenden eine echte Chance, heimzukehren. Barbara