Genf, im September

Genf ist zwar durch seine internationalen Institutionen, seine Kongresse wie den „Geist von Genf“ weltberühmt, aber als Reiseziel für einen Aufenthalt voll Charme und romantischem Esprit lange nicht genug bekannt. Es gibt aber nicht nur das Genf mit den kosmopolitischen Quais am rechten Ufer, das internationale Genf mit dem Völkerbundpalais, in dem heute die UNO residiert, dem Roten Kreuz, dem Internationalen Arbeitsamt und den Hotelpalästen, auf die sich wie zur Völkerbundszeit die einzelnen Delegationen mit schöner Hartnäckigkeit immer auf gleiche Weise verteilen. Es gibt das andere Genf, in dem wir den Schatten Miltons, Mazzinis, Gavours, wie jenen Henri Dunants und des Vorkämpfers für die griechische Unabhängigkeit, Jean Gabriel Eyiards, begegnen; hier haben Byron und Shelley geliebt und gelebt, ließ sich der vergötterte Franz Liszt von der Gräfin d’Agoult entführen, ist Alfred Musset hübschen Mädchen nachgestiegen, hat George Sand die Bürger durch Männerkleidung erschreckt, und hier brach Balzac mit der Marquise de Castrie. Hier wurde Lamartines Ehe eingesegnet und schrieb Dostojewskij seinen „Idioten“; hier wohnte Ruskin und schuf Wagner die Instrumentation für seinen „Siegfried“ und die „Walküre“. Sie wußten warum: zur Anziehung von Stadt und Land gesellt sich die Art ihrer Menschen, die Schweizer Birgersinn mit dem Charme und Esprit des benachbarten Frankreich vereinen, die die großen Ideen, aber auch das gute Leben lieben, Gegensätze, wie sie einst Rousseau und Calvin verkörperten.

Dringt man über die Prachtbrücke Montblanc tiefer in die Stadt, umfängt uns mit den „mes basses“, der „corraterie“ und der „Ile“ das Genf der eleganten Geschäften mit den zur Apéritifstunde überfüllten Terrassen, mit den Auslagen, in denen die berühmten Schöpfungen traditionellen Genfer Bürgerfleißes, Uhren, Schmuck und die kostbaren Novitäten der Haute Couture ausgebreitet sind.

Von dem Hügel der Altstadt blickt die Kathedrale über die Stadt. In diesem „quartier“ wohnen in uralten, sorgfältig restaurierten Häusern Diplomaten, Angehörige der internationalen Büros und Künstler in ihren mit allem Komfort ausgestatteten Garconnieren. Mittelpunkt dieses Viertels ist der „Bourg-de-Four“, zur Römerzeit Forum, später Vieh- und Getreidemarkt. Er gehört mit seiner blumengeschmückten Fontäne, den liebevoll gepflegten Fassaden alter Bürgerhäuser und dem nach der größten Kathedralenglocke benannten Künstlercafé Clemence zu den stärksten Eindrücken der Stadt. Gassen mit bezaubernden Namen, wie die „Rue des belles filles“, führen von ihm in die Cité mit ihren mächtigen Toren und verschlossenen Höfen. In der Nähe liegt das von Calvin begründete und noch heute als Schule dienende Kolleg. Eine enge, alte Treppe führt zum Fuß der Kathedrale. Sie wurde auf den Resten einer der Basiliken des 4. Jahrhunderts 1160 bis 1230 erbaut und in verschiedenen Stilarten umgebaut; von hier oben genießt man einen herrlichen Blick über den See, den Jura und die Berge Savoyens.

Doch niemand versäume, die außerhalb des grünen Parkgürtels der Stadt weich hingehgerte Landschaft zwischen Seeufern, Rhône und Arve zu besuchen, das Land, das mit Hügeln und Reben bis zu den Grenzen des pays de Gex und zur Haute Savoie Frankreichs führt. Hier stehen alte Bargen und Schlösser, hier steht – Wallfahrtsstätte der Literaturbeflissenen – das Schloß Tournay, das einst Voltaire besaß. Man trinkt guten Wein in Dardagny und Jussy. Am linken Seeufer liegt Hermance, einmal Besitz der Burgunderkönigin Hermangarde; nicht weit davon liegt Cologny, wo Byron lebte. Bei jeder Fußwanderung stehen wir bald an der französischen Grenze. Auch der Berg der Genfer und Wahrzeichen der Stadt, der Salève, liegt in Frankreich.

Welch ununterbrochener Wechsel von Landschaft, Stimmung und Bevölkerung! Hier der Jura mit seinen Tannen, dem fetten Gras, das den berühmten Käse Vacherin beschert, den Vieh- und Pferdeherden: hier leben die berühmten Uhrmacher des Jura in geschlossenen Siedlungen. Hier erschließt sich dem Wanderer immer wieder in betörender Fernsicht die weißleuchtende Kette vom Montblanc bis zur Jungfrau. Dort das Plateau mit seinen großen Höfen, in denen Bauern, Vieh und Fahrzeug unter einem Dache leben und alle Dörfer voll roter Geranien leuchten. Die Voralpen wieder teilen als Hügelketten die Täler in abgeschlossene Stücke: in jedem lebt und baut man anders. Die Alpen endlich, die den Orten am See ihren Charakter geben – denn wie Genf nicht ohne den Montblanc zu denken ist, so Montreux nicht ohne die Denis du Midi. Rosa leuchtet der Stein dieser Bergriesen, bedeckt von Tannen; Wasserfälle donnern in die Stille, und abends glüht die ganze Bergkette auf. Wenn man von Genf aus am rechten Ufer des Lac Leman entlangzieht, kommt man in das Waadtland, einstmals die Residenz der burgundischen Könige. Alte Abteien, gotische Kirchen und Schlösser aus dem XI. und XIII. Jahrhundert erheben sich auf den Hügeln. Viele Orte hier waren schon zur Römerzeit besiedelt.

Der Weg am Seeufer führt uns zuerst nach Versoix, wo Voltaire, wütend über die Genfer Pastoren, ein Anti-Genf begründen wollte, in dem der Theaterbesuch obligatorisch sein sollte. Aber vielleicht bleibt man vorher in dem Fischernest Creux de Genthod hängen, um mit gutem Uferwein eine friture und den Käse reblochon zu erproben? Es folgt Coppet mit seinen savoyardischen Häusern und mit dem Schloß, in dem Madame de Staël lebte und das später ihrem Vater, Bankier Necker, gehörte; Chateaubriand, der es mit Madame Recamier besuchte, beschrieb seine Schönheit. Vorüber an Nyon mit seinem turmbewehrten Schloß erreicht man Prangins, das einst Joseph Bonaparte gehörte und in dessen Schloß der österreichische Kaiser Karl I. mit seiner Familie im Exil lebte. Nun folgt Lausanne mit seinen Stadthügeln und Tunnels, seinem Studentenviertel rings um die Universität und der kleinen Fischerrepublik Ouchy. An den berühmten Rebgeländen des Lavaux vorüber mit dem Blick auf die Waadtländer Alpen geht es weiter zur Winzerstadt Vevey und nach Montreux, dessen Narzissenfelder weithin bekannt sind. Hier endet die Riviera des Lac Léman. Umrahmt von den Hochalpen wird er zum Bergsee, über dessen Ufern die berühmten Gebirgsstationen liegen, die Bergstadt Châteauxe-d’Oex mit Schulen, Geschäften, Chalets, Kinderheimen und Pferderennen ihn Schnee oder Villars mit seinen balkonreichen Hotels, die im Winter und im Sommer den Wanderer gleichermaßen anlocken.