Vom Oktober trägt das altberühmte Münchner Volksfest den Namen, das aber in seiner größeren Dauer schon im September gefeiert wird. Man hat es so eilig mit ihm, um dem Schnee zu entkommen, der sich in Oberbayern oft schon sehr früh zeigt, und manchmal ist der Schnee noch schneller als das Fest, das vor ihm auf der Flacht ist, und fällt in die noch voll belaubten Bäume und überfällt weiß strudelnd die bunten Zeltbauten So konnte man vor Jahren, wer es erlebte, vergißt es nicht, während der Kalender dumm und unbestechlich den grünen Herbst anzeigte, mitten im weißen Winter auf die Freudenwiese gehen. Der Schnee zwar, großflockig und wäßrig grau, zerging, sobald er den Boden erreichte, aber auf den Zeltbahnen, die schräg zum Regenschild herabgerollt die Buden schützten, blieb er doch liegen und zerschmolz auch da nicht gleich, wo Schokoladenherzen, in brandrotes Papier gehüllt, mit Liebesschwüren bemalt, an feuerfarbenen Bändern dicht unterm Regendach baumelten.

Kaum ein Mensch war zu sehen in den breiten Straßen, die sich zwischen den prunkenden Bierhallen hinziehen, wo die Fahnenstangen ihre mächtigen weißblau gestreiften Tücher schwenken, in den oft auch lustig weiß und blau gestreiften bayerischen Schönwetterhimmel hinein, strahlend wie nur er sein kann an gnädigen Tagen – in der Trübe jetzt hingen sie naß und zerknüllt herab. Ein grellrot und grün bemaltes Zelt beherbergte Männer aus dem indischen Archipel, die sich, Speere werfend und Pfeile schnellend und auch sonst kriegerische Künste treibend, dem Zuschauer zu zeigen wünschten. In den frühen Nachmittagsstunden dieses Septembertages aber, der Schneewirbel war gerade ein wenig sanfter geworden, fuhren sie. die sich sonst nur gegen Entgelt sehen ließen, auf der anderen Seite der Budenstraße auf den großäugigstarrblickenden Pferden und langhalsigen, weißen Schwänen eines Karussells unentwegt im Kreise herum. Sie trugen unter den bunten Burnussen dicke graue und grüne Wollstrümpfe und Knickerbocker aus verwegen gewürfelten Stoffen. Einer, groß, pockennarbig, langnasig, mit einem mächtigen, schmutzigweißen Turban um den Kopf, hatte eine weißblonde, rundliche Frau, die Besitzerin des Karussells, vor sich auf den spiegelig glänzenden Rappen mit der schön verschnörkelten Mähne genommen. Der Inder ritt jauchzend das kleine, dickbauchige Tier, das, mit den schlagenden Vorderhufen in der Luft, im immer gleichen Abstand hinter den Gefährten einherjagte, in seiner gedrechselten Starrheit zauberisch lebendig. Der Leierkasten des Karussells schnarrte und grölte und zitterte leicht unter der Wucht des eigenen Atems und war der einzige weitum, der tönte. Die farbigen Männer lächelten im Vorüberreiten zu ihrer Bude hinüber und nickten spöttisch ihrem Ausrufer zu.

Dem Ausrufer fiel der kalte Flaum in den großen Mund, den er aber tapfer immer wieder öffnete, um die kleine Zuhörerschar, die sich vor ihm zusammengefunden hatte, zum Eintreten zu verführen. Es waren einige halbwüchsige Burschen und Mädchen, und zwei oder drei im Wind fröstelnde Er wachsene und eine bäurisch gekleidete junge Frau mit einem vielleicht sechsjährigen Knaben an der Hand, die es merken mußte, daß der Mann da droben, der drollige Schneeschnapper, vor allem zu ihr sprach, gerade ihr mit weithin schallender Stimme (und dabei stand sie ihm doch ziemlich nah, am weite testen vorn im Trupp) gerade ihr die wilden Künste der Archipelmänner anpries. Die Frau errötete und fand es unbehaglich, so unerwartet sich ausgezeichnet zu sehen, und blickte sich verlegen nach einer Lücke im Zuhörerkreis um, durch sie zu entwischen. Da verdrossen der Frau ängstliches Gesicht und die schadenfrohen Mienen der reitenden Inder den schreienden Mann, und er brach mit einer schmerzlichen, verzichtenden Handbewegung seine Rede ab, und mit übellaunigem Gesicht verschwand er schnell in der Bude.

Der kleine Trupp der Wiesenbesucher setzte sich in Bewegung, er fiel nicht auseinander, es ging nicht jeder seines Weges, der Leute, die doch gar nicht zusammengehörten, sie hielten sich dicht aneinander, als trügen sie Furcht, allein das Abenteuer des verschneiten Festes zu wagen, und auch die bäuerische Frau blieb strengen Gesichtes bei den Genossen der Stunde, an der Hand das folgsame Kind.

An der Rückwand seines kleinen Verkaufsstandes lehnte ein schwarzlockiger Mann, der Kokosnußschnitten feilhielt, neben einem zarten jungen Wesen in roter Bluse, das er für die vierzehn Wiesentage als Verkäuferin verpflichtet hatte, weil er der Meinung war, so ein hübsches Ding brauche kein "Nein!" zu fürchten, wenn es zum Kauf einlud. Er hatte feurige, gutmütig-dumme Kugelaugen, der Kokosnußmann, Augen, die zu seinem gelockten Schwarzhaar paßten, und er schien nicht ärgerlich zu sein, daß die Männer in der Stadt geblieben waren, an denen das Mädchen seine Künste hätte erproben sollen. Er stand ganz dicht bei der Rotblusigen, es war wärmer so, und die Wärme tat gut bei diesem Wetter, und die Bretterwand erlaubte es dem Schneewind nicht, kalt in des Mädchens Nacken zu blasen. Wenn er sich drehte, der Wind, und das Tuch des roten Regendachs knatterte, und die an Schnüren hängenden Kokosnüsse stießen mit dumpfem Ton aneinander, stellte sich der Kugeläugige ritterlich vor das Mädchen, es zu schützen.

Etwas später am Nachmittag hörte es für kurze Zeit ganz auf zu schneien. Es war die Wolkendecke geborsten, schnell und unerwartet, wie sie es sonst nur im April tut, und die Straßen der Budenstadt waren blau getüpfelt, weil die Bläue des Himmels sich spiegelte im Wasser eines jeden Fußtapfentümpels. Der schweifende Trupp, der immer noch zusammenhielt, bekam jetzt Verstärkung. Er schwoll an, mit wunderlicher Kraft zog er Einzelgänger an und schob sich langsam und mit Bedacht und in einer strengen Ordnung, die keine Sehenswürdigkeit ungesehen lassen wollte, über den Festplatz.

Vorn an die ‚Rampe der Liliputaner-Bude war ein kleiner Mann im Frack getreten, einen Zylinder auf dem Kopf, mit einem gelben Gesicht, wie es Leberkranke haben, aufgedunsen und faltig, greisenhaft und jugendlich geheimnisvoll zugleich, und nun hob der Zwerg mit der gelben Kinderhand den hohen Hut und winkte, näherzutreten, und tat das, indem er hochmütig über die einzeln vorbeistreifenden Zuschauer hinwegsah. Mit einem plötzlichen, entschlossenen Ruck dann setzte der Kindmann den Hut wieder fest auf den Kopf und begann, die Hände auf dem Rücken, die ganze Länge der Rampe feierlich und verdrießlich im Hin und Her abzuschreiten. Eine Frau, eine gewöhnliche Menschenfrau, keine Zwergin, die dick vermummt an der Kasse saß, lud mit kurzen Rufen ein, sich die berühmten Liliputaner zu besehen, aber es klang wenig zuversichtlich, als glaube sie selber nicht, daß jemand ihrer Lockung werde Folge leisten.