dd., Wiesbaden

Auf der Anklagebank des Wiesbadener Jugendschöffengerichts saßen Rudi und Willi, zwei Neunzehnjährige, einträchtig nebeneinander wie einst auf der Schulbank, wo sie vor Jahren ihren Bund zur Überwindung gesellschaftlicher Schranken geschlossen hatten. Sie waren sich einig in dem festen Willen, die Autorität von Lehrern und Arbeitgebern für nichts zu achten.

Dennoch hatte Rudi die Reue gepackt, als er den ersten von fünf Zehnmarkscheinen anriß, die er auf seiner Arbeitsstelle aus einer Geldkassette entwendet hatte. Er schickte den Rest des Geldes zurück, ließ sich auf seiner Lehrstelle nicht mehr blicken und begab sich mit seinem Freunde Willi auf eine unstete Wanderung in die Umgebung der hessischen Metropole.

Als die beiden ohne einen Pfennig Geld in der Tasche von einem Streifzug durch das nächtliche Mainz zurückkehrten, sahen sie in der Nähe der Rheinbrücke ein weibliches Wesen von anscheinend zweifelhafter moralischer Qualität an der geöffneten Tür eines Personenwagens stehen und mit dem Autofahrer verhandeln, der – nach dem Kennzeichen des Fahrzeuges zu Urteilen – ein Franzose war. Die Mainzerin hatte bereits im Vertrauen auf den günstigen Ausgang ihrer Verhandlungen ihre Jacke und die Handtasche auf das Sitzpolster des Wagens gelegt. In diesem Augenblick faßte Rudi blitzartig einen Entschluß, dessen Raffinesse und Tiefgründigkeit beweist, daß Menschenkenntnis auch heute noch der solideste Grund für Schabernack und Gaunerei geblieben ist.

Rudi trat kurzerhand an den Wagen heran und erklärte dem Franzosen: „Das ist meine Frau, lassen Sie ja meine gute Frau in Frieden!“ Der Franzose war über diese Wendung der Ereignisse so erstaunt und über die Verworfenheit der Dame so entrüstet, daß er die Wagentür zuwarf und eilends davonfuhr. Die „gute Frau“ war so erschrocken über die Vorstellung, eine Ehe eingegangen zu sein, daß sie schreiend fortlief. In einiger Entfernung warf der Franzose ihre Handtasche und die Jacke aus dem Wagen auf die Straße Rudi hatte also richtig gerechnet; die Beute wir ihm sicher. Den Inhalt der Tasche teilten sich die Jünglinge brüderlich.

Das Jugendschöffengericht bewertete die intellektuelle Urheberschaft Rudis so hoch, daß es ihm sieben Monate Jugendhaftstrafe zudiktiert, während Willi, der weniger ideenreiche, mit 90 Mark Geldstrafe davonkam.