hm, Rüdesheim, im September

Wer entweder mit dem Sessellift oder zu Fuß die Hänge des Niederwaldes besteigt (es muß kein Besuch beim Denkmal sein, von dem böse Zungen behaupten, man habe uns absichtlich nicht auferlegtes es zu verschrotten, um uns zu bestrafen), hat vor denen, die unten im Tal auf der Höhe von Bahn und Straße bleiben, viel voraus. Vor allem den bezaubernden Blick auf die Rebhügel und Hänge, aufs Schloß Johannisberg, und wenn er sehr gute Augen hat, auf die Burgen Rheinstein und Rheinfels – von den vielen Orten nicht zu reden, die sich im Rheingau und dem ersten Teil des beginnenden Rheintals von Bingen, dem Auge darbieten. In den Rebgärten steigt leichter Rauch auf, es kann Dunst sein, denn die Temperaturunterschiede sind zwischen Tag und Nacht erheblich, es kann aber auch schon ein Feuerchen sein, das sich die Winzer in ihren Weingärten anzündeten. Dieses herrliche Jahr hat soviel Sonnenwärme in die Beeren eingelagert, daß die Weinbauern den Mut haben, mit der Lese so lange zu warten, wie es nur irgend möglich ist. Mancher Wein, der in normalen Jahren keine Spätlese wurde, kann es in diesem Jahr werden.

Auch die Herbstreise zu den Rebhügeln an Rhein und Mosel, Lahn und Aar, Saar und Main sollte diesmal eine Spätreise sein, denn der voreilige Reisende kommt jetzt noch zur Weinlese, auf die er sich freute, zu früh. Gewiß, manche Winzerfeste liegen mit ihren Terminen fest und können nicht wegen der Lese verschoben werden. Aber wer Herr seiner Zeit ist und es sich daher leisten kann, auf die festlich arbeitsamen Tage in den Weinbergen zu warten, der möge noch etwas Geduld haben.

Wer aber jetzt schon, noch im letzten Septemberdrittel reisen muß, der trachte danach, in einem der Orte am Rhein und seinen Nebenflüssen eine Weinprobe mitzumachen, und mit den besten Produkten der nahen Reben auch seine eigene Kennerschaft auf die Probe zu stellen. Der 54er ist besser als sein Ruf, den man ihm wegen des verregneten Sommers im vergangenen Jahr angehängt hat. Wer aber an dem Gerücht festhält, daß man einjährigen Wein nicht trinken kann, der lasse ihn noch bis 1956 liegen und halte sich jetzt an den 53er. Der ist ausgezeichnet.