Der Streit um Zypern, der durch das Scheitern der Konferenz des griechischen, türkischen und britischen Außenministers in London zu einer Krise wurde, geht nicht nur die drei Länder an. Er berührt vielmehr den Nordatlantikpakt als solchen. Als England im vorigen Jahr gezwungen wurde, die Suez-Kanal-Zone zu räumen, wurde die Insel zum Hauptquartier der britischen Streitkräfte im Mittelmeer bestimmt. 84 Millionen Dollar sind bereitgestellt, um sie zu einer Land-, See- und Luftfestung auszubauen. Die Royal Air Force errichtet gewaltige Basen, hier sollen die Bomber stationiert werden, die Persien vor einem russischen Vorstoß auf die Ölfelder schützen können. Ohne Zypern, das einzige Gebiet im Nahen Osten, das noch ganz unter englischer Herrschaft steht, wäre das Mittelmeer kaum zu verteidigen. Um so gefährlicher ist der Konflikt. Wenn Griechenland und die Türkei, beide Mitglieder des Balkanpaktes und der NATO, sich wegen Zypern überwerfen, könnte der sowjetische Einfluß neue Ansatzpunkte finden. Das Angebot, Ägypten gegen Israel Waffen zu liefern, zeigt dies sehr deutlich.

Daß Zypern verteidigt werden muß, darüber sind sich alle Beteiligten einig. Aber die Griechen verlangen, die Insel müsse zum „Mutterland“ kommen – 400 000 der 500 000 Zyprioten sind hellenischer Nationalität. Das aber wollen die Türken auf keinen Fall, Zypern liegt 60 Kilometer vor der türkischen Küste, erklären sie, aber 500 Kilometer von der griechischen entfernt. Der Führer der 100 000 türkischen Zyprioten, Facil Kucuk, ist bereit, die britische Oberhoheit zu tolerieren, aber gegen eine griechische Annexion hat er mit dem Bürgerkrieg gedroht. Der türkische Geheimbund Völkern bekämpft den griechischen Eoka. Erzbischof Makarios, als Ethnarch zugleich das weltliche Oberhaupt der Griechen in Zypern, erklärte ebenso unbeirrt, weder Exil noch Tod würden das Volk von dem Ziel der Enosis, der Vereinigung mit Griechenland, abbringen. Es wolle Selbstbestimmung, nicht bloß Selbstverwaltung, wie England sie 1948, 1954 und jetzt wiederum anbot.

Die Kommunisten sehen dem Streit mit Freude zu. Man kann zwar nicht behaupten, daß sie ihn geschaffen hätten – er ist eine Folge nationaler Spannungen, die lang zurückreichen –, aber sie haben natürlich alles getan, das Feuer zu schüren. Der Anschlag auf das türkische Konsulat in Saloniki, der den Funken schlug, und die Gerüchte über bevorstehende Massaker an der türkischen Minderheit in Zypern sind kaum ohne kommunistische Mitwirkung zustandegekommen. Nach den Ausschreitungen in Istanbul und Smyrna verhaftete die Polizei dreißig kommunistische Provokateure, und daß die Kommunisten in Zypern selbst den Nationalismus auf beiden Seiten aufwiegeln, ist seit langem bekannt.

Das Problem ist um so schwieriger, als es weniger von den Staatsmännern als vom Volke selbst ausgeht. Die Regierungen haben sich korrekt genug benommen. Als die türkische Polizei und Armee bei dem Aufruhr nur zögernd eingriffen, vurden sofort drei Generale und leitende Beamte ihres Amtes enthoben, selbst Innenminister Gedik mußte zurücktreten. 4500 Geschäfte wurden zerstört, 28 Kirchen (nach griechischen Meldungen sogar 60) ausgebrannt oder beschädigt, und man schätzt den Gesamtschaden auf anderthalb Milliarden Mark. Die türkische Regierung entschuldigte sich und sagte jede Wiedergutmachung zu. Der griechische Außenminister hat seinerseits die Forderungen der Opposition zurückgewiesen, das Bündnis mit der Türkei abzubrechen.

Der Balkanpakt ist damit zwar bewahrt, aber man kann sich kaum darüber täuschen, wie sehr er an Kraft verloren hat. Was griechische Zeitungen in der ersten Erregung schrieben – „Das griechischtürkische Bündnis kann vielleicht weiter bestehen, aber die griechisch-türkische Freundschaft ist tot“ (Kathimerini) und „Die NATO hat moralischtechnisch zu existieren aufgehört“ ( Eleftheria) – mag dem ruhigen Urteil nicht standhalten. Aber dennoch muß man sich fragen, wieviel ein Vertrag bedeutet; der zum bloßen Instrument der Diplomaten, ohne Unterstützung des Volkes, würde. Die griechische Regierung hat die Teilnahme an den kommenden NATO-Manövern abgesagt und verlangt, daß der Streit auf die Tagesordnung der Vollversammlung der Vereinten Nationen gesetzt werde, die am Dienstag in New York zusammentrat.

Die Politik der Entspannung hat dem Westen eine ganze Kettenreaktion von Überraschungen beschert, sie hat Tito Rußland nähergebracht, Österreich durch Neutralisierung kaltgestellt und bei den Partnern des Balkanpaktes die internen Zwistigkeiten wieder in den Vordergrund geschoben, kaum, daß der Druck von außen ein wenig nachgelassen hat. V. v. Zühlsdorff