Von Jan Molitor

Is ja kolosal, is das. Komm’ Se mal mit zum Büffeh, Regierer... ’ne schöne Fülle hier ... Na, wollen mal sehn ... Drängeln Se doch nich 10 ... Nein, ich drängle gar nicht!... Ochse! Ich hab’ schon Kaviar gegessen, da war’n Sie noch nich auf der Welt, da standen Sie als Quark vorm Fenster ... Was, Regierer, ’n Staatssekretär soll das sein und drängelt so? Benehmen haben diese Leute! Na, Frollein, packen Se mir mal ruhig auf, aber nicht so fett. Ja, Schüh auch. Na, und dann russischen Salat, Frollein, ja, mehr von unten. – Ham Se schon die Ulanowa gesehn, Regierer? Wie? Mal nachrechnen: 55 war unser Kanzler in Moskau, da war die Ulanowa 47; jetzt ham wir – warten Se mal – 58, da is sie gerade 50. Na, für Bonn reicht sie noch. Ist eben Klasse, die Frau! Erinnert ’n bißchen an die Klara von Fritz. Gefüllte Tomaten, nee; aber ’n bißchen Kaviar können Se mir ruhig noch geben. – Die Ulanowa? Wissen Sie, wenn ich noch so war wie früher, aber man hat ja jetzt so viel zu tun. – Sehn Se den Herrn da mit ’nem Kneifer. Das is der neue Botschafter, frisch vom Kreml an den Rhein. Nee, der nich! Das is doch Blücher, Regierer! Wer nich ’n Kneifer von ’ner Brille unterscheiden kann, soll nich hingehn zu ’nem Empfang auf der Botschaft. – Ham Se sich an die Säulen gewöhnt, Regierer? Großzügige Leute, diese Sowjets. Nicht ’n Meter kürzer, das ganze Dings, als die amerikanische Botschaft. Und die Säulen wie früher ... nee, wie ganz früher. Rhein-Romantik, verstehn Se. Fritz sagt, ganz früher hätten die Deutschen die Pläne und die Russen das Material gestellt. Diesmal war’s umgekehrt, und ’n paar Säulen mehr oder weniger können dem Rheinpanorama ja nicht schaden. Hauptsache, er kommt dran vorbei, der olle Vater Rhein... Ja, Regierer, so können Se’s auch sagen: Hauptsache, wir kommen durch. – Na, die Regierung macht das ja auch ausgezeichnet... das muß man ihr lassen. Welche Regierung ... alle natürlich. Sie? Wer singt da auf der Straße? Wie heißt das: ‚Brüder in Zechen und Gruben’? Sollen doch raufkommen, die Leute! Heute habe ich die Wehrmacht vorbeiziehen sehen, mindest ’n Bataillon; die sind an meinem Büro vorbeigekommen – ich sage Ihnen: fabelhaft, wie früher in Berlin... – Nehmen Se noch ’n Gläschen Wodka, Regierer? Und sehen Se da hin: da hängt Bulganin. So sieht er gab nich aus. Sieht man doch an den Abzeichen. Die Abzeichen kennt man doch. Nee – als ich wegen der elektrischen Schafscheren in Moskau war, hab ich’n nich gesehen. Aber Photos natürlich. Diß hier is nich natürlich, diß is natürlich realistisch. – Ja, kolossale Leistung von dem Manne! – Gestatten Se mal, das Fläschchen; danke! Nee, Krimsekt hab’ ich über. – Also, Politik gehört nich ins Geschäft. Als ich wegen der elektrischen Schafscheren in Rußland war, hatten sie da Schafe, aber nich Elektrizität... nee, Regierer, Farmen heißt das nich, Sowjose heißt das da. Ich sage: Elektrische Schafscheren ohne Elektrizität, das is nich realistsch... Das haben sie gleich verstanden, die Leute. Ich fahr’ wieder hin. Wer nich? Sicher ’n Geschäft Wer macht nicht? Alle machen. Wieso? Würden Sie sich das Geschäft durch Politik verderben lassei? Na also, Politik gehört nicht ins Geschäft. Ich wer’ Ihnen sagen, wo sie hingehört: Da, wo sie hingehört, da gehört sie hin. – Sehn Se mal, die Frau da ist Klasse! Sicher ’ne ruskaja dama. Schade, daß sie das da mit der freien Liebe nich mehr machen! Was? Erlauben Sie, Regierer!... Überhaupt sehr gute: Publikum hier. Ich geh sonst nie in politische Gesellschaft, aber dies ist was anderes. Sehn Se mal den: sicher ’n Attaché... Politik? Früher hat sich jeder Mensch um so’n Klimbim gekümmert. Is ja denn auch nicht gut gegangen. Heute geht’s vorzüglich. – Erhöhung der Eisenpreise? Nee, hab ich nich gehört. Ich sag Ihnen ja: Politik – nicht rühr an! Die Leute sind heute oben, jetzt genießen sie eben. Natürlich soll man ein Bündnis mit Rußland schließen – sehn Se mal: Wenn Amerika gegen Rußland wegen China geht, dann muß Westdeutschland und die DDR zusammen mit Rußland stehen. Dann kriegt Frankreich die Platze, das ist mal klar. Na, und hinterher – da wem wir die Brüder schon einseifen, besonders die von der DDR: die sind nicht realistisch.

Was realistisch ist, Mann? Wenn Sie einem zahlen müssen und gehen zu ihm hin und sagen: ‚Ist nicht, lieber Mann. Das können Se nicht verlangen!‘ Und Sie sagen ihm das mittenmang ins Gesicht! Sehn Se: das ist realistisch...