Von Johannes Jacobi

Das vierte Deutsche Mozart-Fest fand in Hannover statt. Diese Tatsache setzt zwei Fragezeichen. Warum Mozart in Hannover? Und erst das vierte Fest? Mozarts Musik ist ein Bestandteil aller Konzertprogramme. Als Opernkomponist nimmt er eine Spitzenstellung in der jährlichen Aufführungsstatistik ein. Dennoch hat sich 1951 eine Deutsche Mozart-Gesellschaft gebildet. Ihr Sitz ist Augsburg, mit der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg hängt sie eng zusammen. Diese Mozart-Gesellschaft betreibt die Gründung vieler örtlicher Mozart-Gemeinden. Daß jetzt auch in Hannover eine ins Leben gerufen wurde, mag der Anlaß zur Ortswahl für das vierte Mozart-Fest gewesen sein. Der Grund für Mozart-Feste, ja für Mozart-Propaganda liegt tiefer: „Leider ist es heute dahin gekommen, daß untere und mittlere Werte mit enormem Abstand den Vorrang vor den höheren genießen. Glaube und Geist, der eigentliche Träger der Geschichte, stehen weit im Schatten.“ Aus diesem Grunde fühlt sich eine Deutsche Mozart-Gesellschaft aufgerufen, „die höheren Werte des Geistes und der Kultur im Zeichen Mozarts zu verbreiten“.

In Hannover war das vierte Mozart-Fest, von einem einzigen Konzert abgesehen,. noch kein Publikumserfolg. Die örtliche Organisation hatte ihre Stunde nicht begriffen. Das wird im nächsten Jahr, im „Mozartjahr“ des 200. Geburtstages, sicherlich repräsentativer werden. Im Barockschloß Ludwigsburg bei Stuttgart wird man den „großen Rahmen“ für einen großen Aufwand finden. Die Anlehnung an verwandte Architektur ist ein populärer Blickfang für Mozarts Musik. Wer sie in Salzburg oder Wien gehört hat, der bleibt geneigt, die Atmosphäre einer verwichenen Zeit mitzuhören; Das ist eine Rangminderung, aber eine Eselsbrücke. Sie stand auch in Hannover zur Verfügung. Der Große Garten und das Galeriegebäude von Herrenhausen waren hauptsächlich die Schauplätze für Serenaden, Kammermusik und ein Symphoniekonzert. Eine barocke Gartenanlage – ein Superlativ in Deutschland – und ein Nebengebäude des welfischen Lustschlosses lieferten die atmosphärische Einstimmung des Hörers. Als nach dem Konzert der Große Garten auch noch „festlich beleuchtet“ wurde, bekam man zunächst einen gelinden Schrecken. Doch er wurde nicht nur von der naiven Entzückung des lustwandelnden Publikums beschwichtigt.

Neben solchen Effekten gab es in Hannover Wertkristalle. Wir denken dabei gar nicht so sehr an die Leckerbissen für Kenner, etwa einen unbekannten Satz in einem bekannten Werk. Auch im Sinne der Wertpropaganda der Mozart-Gesellschaft gab es klingende Perlen. So einen Abend des Stroß-Quartetts und, nun auch vom Publikum bestürmt, ein Symphoniekonzert des Hamburger NWDR-Orchesters unter Hans Schmidt-Isserstedt. Hier hörte man Gerhard Puchelt als vorzüglichen Solisten des c-Moll-Klavierkonzerts sowie bekannte Werke: die Es-Dur und die Haffner-Symphonie.

Vor Mozart liegt in der Zeitfolge Haydn. Bedeutende Interpreten bemühen sich seit langem, das biedermännische Bild vom „Papa Haydn“ zu berichtigen. Was aber wissen wir wirklich von dieser zentralen Persönlichkeit der Wiener Klassik? Als einziges liegt das opulente Lebenswerk Haydns noch heute nicht in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe vor. Für Mozart wird eine neue als Jahrhundertleistung 1956 zu erscheinen beginnen. Sie soll 125 Bände umfassen, der Subskriptionspreis ist auf 1800 DM veranschlagt. Repräsentative Komitees in aller Welt werben schon mit spürbarem Erfolg für diese Geburtstagsgabe. Aber Haydn? Anfang 1955 erst ist in Köln ein Joseph-Haydn-Institut gegründet worden. Jetzt wurde dort nach der räumlichen Einrichtung sein öffentlicher Taufakt vollzogen durch Professor Friedrich Blume, den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Musikforschung. Der Leiter des in Köln mit Hilfe der Stadt und der Bundesregierung stationierten Archivs, der dänische Professor Jens Peter Larsen, bedankte sich in Gegenwart des Kardinal-Erzbischofs von Köln vor Exzellenzen aus Österreich und Dänemark und vor Prominenzen aus Kulturverwaltung und Wirtschaft für eine großzügige Initiative: Endlich kann man in Deutschland mit der Quellensammlung für eine vollständige Haydn-Ausgabe beginnen. Zweimal ist schon angesetzt worden. Ein Versuch vor fünfzig Jahren kam’nicht über den lehnten Band hinaus. 1949 ist ein amerikanischer Versuch an der Größe des Unternehmens gescheitert. Neben mehr als hundert zweifelsfreien Symphonien müssen mehr als 150 andere „Haydn-Symphonien“ auf ihren Echtheitsgrad oder Haydn-Anteil geprüft werden. Die meisten Originalmanuskripte sind verschwunden. Abschriften müssen analysiert werden. Aber auch die Musizierpraxis wartet noch auf viele Haydn-Werke, die von der Wissenschaft erst ediert werden müssen, wie es im Falle Bachs geschehen ist.

Im Kölner Rathaus gewann man, obwohl es nur eine schlichte Feierstunde war, abermals einen Einblick in die gegenwärtige Situation des „freien Geistes“. Das Haydn-Material ist so vielfältig und international verstreut, daß jeder Einzelforscher kapitulieren müßte. Hier kann nur die deutsche und die internationale durch Prof. Blume in Personalunion zusammengefaßte Organisation der Musikforschung zum Ziel führen. Nur internationale Zusammenarbeit kann überhaupt das Material zusammenbringen. Zu der endgültigen Repatriierung Haydns aus amerikanischen in deutsche Hände bedurfte es jedoch der wesentlich stützenden Hilfe eines Privatmannes, des Duisburger Generaldirektors Dr. Henle. Dieser Industrielle, der als Abgeordneter im vorigen Bundestag dadurch auffiel, daß er Noten malte, während andere bei Rou-