Das ganze Leben ist Wettbewerb, ohne ihn wäre es nicht lebendig. Aber gerade das Lebendige, das Lebensvolle und Organische, das natürliche Wachstum ist dort in Gefahr, wo der Wettbewerb in der heute offenbar unumgänglichen Form der Prämiierung vor sich geht. Das bedeutet, rasch und aller Welt sichtbar ans Ziel kommen, „ausgezeichnet“ sein, sei es mit Geld oder einer Reihe todsicherer Engagements. Sind Wettbewerbe in der Kunst berechtigt oder nicht? Einige Anmerkungen zum Internationalen Busoni-Wettbewerb für Pianisten, den Césare Nordio, Direktor des Bozener Monteverdi-Konservatoriums, begründet und soeben zum siebenten Male durchgeführt hat, mögen zum Überdenken dieser Frage anregen.

Bozen vergab dies Jahr keinen ersten Preis. Nicht deshalb, weil keiner der aus rund sechzig Kandidaten für die öffentlichen Finale auserwählten elf Pianisten aus acht Ländern seiner würdig gewesen wäre. Im Gegenteil: weil zu viele ihn gleichermaßen verdient hätten. Man hebt also – und das ist das Tragische am organisierten Wettbewerb überhaupt – um der Gerechtigkeit willen den Sinn oder besser den Zweck des Wettbewerbs auf und opfert den ersten Preis. Überhaupt sind die ersten Preise in Gefahr. Die technische Vollendung, durch den Zwang des Wettbewerbs oft ins Unerhörte gesteigert, verdeckt, ja „erledigt“ die individuelle künstlerische Regung. Jeder Fehler schaltet den Bewerber aus; ist aber nicht gerade er oft Ausdruck des persönlichen Werdens? Gibt nicht gerade er oft den Blick in das Innere der virtuosen Überwucherung frei? Wem gebührt der erste Preis? Wem der Lorbeer, wenn er auch die Form des modernen Managements angenommen hat?

Für jeden der elf für den Endspurt Auserwählten ein Juror! Ebenfalls Auserwählte, bereits erlauchte, berühmte Namen, führende Pianisten aus Italien, Spanien, Deutschland und Österreich, England, Amerika, und auch das Mailänder Konservatorium und die Scala sind vertreten. Zuviel der Fachwelt, möchte man ausrufen, jedenfalls zuviel Spezialistentum. Wo bleibt die Kritik, wo das Publikum, mit einem Wort: wo die „neutrale“ Erfahrung, die dem Fachlichen die notwendige Komponente des Lebendigen gibt? Käme nicht vielleicht aus einem solchen Querschnitt des künstlerischen Lebens, in dem das Empfangen doch mindestens so wichtig ist wie das Geben, eher ein – erster Preis zustände? Endlich: nicht wenige der Adepten traten zum soundsovielten Male bei einem Wettbewerb an. Manche errangen bereits erste Preise. Sie liegen manchmal schon ein Jahrzehnt zurück. Warum sind sie noch nicht berühmt geworden, warum streiten sich Länder und Städte nicht um den Ruhm ihrer Geburt? Man kennt sie in ihren Geburtsländern manchmal kaum, diese oft schon Ausgezeichneten; auch der erste Preis erlöste sie nicht aus ihrer Anonymität. Und manche andere sind berühmt geworden, ohne je einen dritten Platz im Wettkampf der rasenden Pianisten, die zumeist weiblichen Geschlechts sind, errungen zu haben.

Wer vergibt gerechten Ruhm? Welcher Farbe ist echter Lorbeer? Sollte sie nicht doch des Lebens Grün sein? Hans Rutz