Berlin, im September

The Family of Men, „Wir alle“. – Die Schau von vielen hundert Bildern, die 273 zum Teil ramhafte, zum Teil unbekannte Photographen in 68 Ländern auf dem ganzen Erdball machten, hat in New York während vier Monaten eine Viertelmillion Besucher angelockt. Sie ist jetzt zug.eich in Japan und Berlin (in der Hochschule für Bildende Künste) zu sehen, von wo sie weiter nach München, London und Paris geschickt wird Es ist darin etwas eingefangen von der großen unbekannten Gewalt, die alle Lebenden zwingt, in fast gleichem Rhythmus den vorgezeichneten kurzen Erdenlauf zu vollenden.

Ein paar hundert Photos nur, und doch ein Überblick über die Menschheit rund um den Erdball, über das Gebrodel von Reichen und Arnen, Arbeitenden und Müßiggängern, Liebenden und Ungeliebten, Denkern und Dummen, Kämpfern und Spielern, Einsamen und Mitleidsvollen; ein Überblick von den Tropen bis zur Arktis, und doch allenthalben die gleichen Bedürfnisse nach Liebe, Nahrung, Kleidung, Arbeit und Sprache, Verehrung, Schlaf, Spiel, Tanz und Lachen. Es ist keine simple anthropologische oder soziale Bdehrung, sondern ein bezwingender, mit echtem amerikanischem Weltverbesserungseifer vorgetragener Versuch, zu zeigen, wieweit es möglich ist, mit der Photographie dem Menschen den Menschen zu erklären.

Edward Streichen, einer der bekanntesten Photographen aus den Vereinigten Staaten, hatte die Idee zu dieser ungewöhnlichen Photosciau. Der 75jährige, der zur Ausstellungseröffnung nach Berlin gekommen war, hat diese Auswahl aus zwei Millionen Photos getroffen und sie „in leidenschaftlichem Geist der Liebe zum Menschen“ zusammengestellt. Ohne zu beschönigen. Die guten und die bösen Taten der Menschen werden gleichermaßen sichtbar. Die tiefwurzelnden Bincungen und Feindschaften. Es sind fesselnde Meisterphotos darunter, beredte Gesichter, die mehr sagen als Worte je ausdrücken können. Bilder, mit besonderen Augen und dem Blick für das Migemeingültige oder das Außerordentliche gesellen. Es sind auch Arbeiten von Photoreportern darunter, die vor nichts zurückschrecken, die kalt, erbarmungslos und oft ohne Delikatesse die intimsten Regungen der Menschen, ihre tiefste Not, ihr größtes Leid belauschten und mit der Kamera bannten: das Liebespaar auf der Wiese, das die Umwelt vergaß, Mutter und Kind im Augenblick der Geburt, Menschen im Gebet versunken, Menschen verzerrt von Schmerz, von Haß, in Todesangst. Mehr als einmal ist man erschrocken, daß die Kamera keine Tabus kennt, daß es keine Distanz mehr gibt, daß man gezwungen wird mit dem Auge der Kamera Menschen in Situationen zu sehen, die für kein fremdes Auge bestimmt waren. Man hat in Amerika weniger Gefühl für Intimität, und das Recht auf die Persönlichkeit. Bei uns mag mancher Betrachter bestürzt fragen, ob diese Kamerajagd auf Menschen nicht irgendwo Grenzen haben sollte. Was manches Einzelphoto an notwendiger Delikatesse fehlen läßt, wird glücklicherweise aufgewogen durch die sublime und oft humorvolle Art der Zusammenstellung der Photos: Die Wand der fröhlichen Zecher. Die Reihe der Tänzer. Die gegeneinander geklebten Bilder eines fröhlichen alten und eines sich in überschäumender Lebensfreude küssenden jungen Paares auf einer Schaukel, die freischwebend von der Decke in einem dieser Räume hängen. Professor Dr. Gottwald, Architekt an der Berliner Hochschule für Bildende Künste hat durch eine sehr delikate farbige Abstimmung – abwechselnd schwarze, weiße, graue und gelbe Zwischenwände – das Einerlei der Schwarz weißphotos belebt bis zu jenem farbenfreudigen Kinderraum, in dem russische und peruanische, deutsche und chinesische Jungen und Mädchen, Kinder aus 13 Nationen; beim gleichen Spiel, beim Ringelreihen, zu sehen sind. Die Farbphotographie übrigens wurde aus dieser Ausstellung ausgeschieden; die Farbphotos konnten sich in der Intensität der Aussage mit den schwarzweiß Bildern noch nicht messen. Eka v. Merveldt