Die Sow jetbiirger in Westdeutschland – Besuch in Russenlagern

Von Donald Ahrens

Im Gespräch mit dem Bundeskanzler hat Bulganin die in Westdeutschland lebenden „Sowjetbürger“ erwähnt und eine Zahl genannt: 100 000. „Die Mehrheit dieser unglücklichen Menschen... hat keine dauerhafte Beschäftigung, auch keinen dauerhaften Wohnsitz oder die nötigen Mittel zum Lebensunterhalt. Es sind uns auch viele Fälle bekannt, in denen entwurzelte Sowjetbürger, die ihr Los nicht hinnehmen, auf dem Gebiet der deutschen Bundesrepublik eingekerkert sind. Gewisse, der Sowjetunion feindlich gesinnte Organisationen, die von einzelnen Behörden unterstützt werden, betreiben eine gehässige Propaganda und verhindern die Heimschaffung, indem sie die Heimkehrwilligen terrorisieren. Gleichzeitig gehen die unzulässigen Versuche, diese Personen für kriminelle politische Zwecke einzusetzen, weiter...“

Die bundesamtliche Statistik kann keine genaue Auskunft geben, da ihr die Zahl derjenigen Russen, die sich zwar in der Bundesrepublik aufhalten, aber unter nichtdeutscher Obhut stehen, vorenthalten wurde. Aber 100 000 erscheint viel zu hoch gegriffen. Die Zahl der polizeilich Gemeldeten dürfte zwischen 12 000 und 15 000 liegen. In einer Hinsicht aber hat Bulganin recht: Die Mehrzahl dieser unglücklichen Menschen lebt menschenunwürdig unter uns, und tatsächlich versuchen einige Organisationen, die der Sowjetunion feindlich gesinnt sind, diese Personen für politische Zwecke einzusetzen.

Als sich nach dem Kriege die Flüchtlinge aus allen Ostländern in den Westzonen Deutschlands stauten, schickten die an Einwanderern interessierten westlichen Staaten ihre Knusperhexen nach Westdeutschland, die den vielen Hänseln den Bizeps betasteten und sie auf Herz und Lunge prüften. Waren sie gesund und kräftig, so erhielten sie die Papiere ziemlich rasch und durften das Auswandererschiff besteigen. Wer jedoch als mageres Gretel nicht genommen wurde, blieb zurück in Westdeutschland. „Wir nehmen nur gesunde Menschen“, sagten die Vertreter der Einwanderungsstaaten, „die Einfuhr von kranken Menschen in unsere Länder ist verboten. Was in der Bundesrepublik blieb, fiel der Sozialfürsorge zur Last. Und die Bundesrepublik hat schon Millionen Mark für sie ausgegeben. „Ausschuß“, sagen die einen; „Menschen“, meinen die anderen. „Wir sind Verlorene“, sagen die Russen selbst. – In den Nachkriegsjahren sind neue Flüchtlinge hinzugekommen. Soweit es sich dabei um ehemalige Sowjetsoldaten handelt, kamen sie weniger aus politischen als aus privaten Gründen: sei es, daß sie in der Roten Armee eine Strafe zu erwarten hatten, sei es, daß sie einem Mädchen folgten, das aus Mitteldeutschland nach dem Westen ging. Ihr Wunsch geht in seltenen Fällen danach, in Deutschland zu bleiben. Sie wollten Europa verlassen. Nun aber gerieten sie in die „Russenlager“, wo sie höchstens das Interesse des westlichen Abwehrdienstes fanden. Auf dem Höhepunkt dieses menschlichen Dramas begann die Sowjetunion eine groß angelegte Aktion der Rückholung, in dem sie in Ostberlin eine Filiale errichtete, der alle Rückkehrwilligen zugeführt werden.

Ein Witz aus dem Satirikern

Das Verlangen Bulganins kam also nicht völlig überraschend. Dennoch hat es große Erregung in den „Russenlagern“ hervorgerufen, deren ich drei besuchte. So verschieden die Reaktion der ehemaligen Sowjetbürger im einzelnen war – in einem Punkte stimmten alle überein: sie waren seit Kriegsende nicht im Westen geblieben oder in den Nachkriegsjahren hierhergekommen, um ihr Leben in Deutschland zu beenden, sondern weil sie hofften, von den westlichen Alliierten in ihren Auswanderungsbestrebungen unterstützt zu werden. Nun fühlen sie sich getäuscht und gedemütigt. Und besonders die amerikanische Antisowjetpropaganda betrachten sie als Hohn auf ihr Schicksal.