Als das „Gemeinschaftswerk aller Vertriebenen, dem ganzen deutschen Volk gewidmet“ stellt eine Schlagzeile auf dem Schutzumschlag das Buch

„Aber das Herz hängt daran“, Brentano-Verlag, Stuttgart, 347 S., 10,80 DM, vor.

Es enthält die Auslese27 Erzählungen und 700 Gedichte – aus einem literarischen Wettbewerb für Heimatvertriebene. Schade, daß der Verlag sein Werk. mit Sätzen, wie „Ein unvergleichliches Zeitdokument! Ein einmaliges literarisches Ereignis“ und ähnlichen begleitet, die aus der Superlativsprache der Kinoreklamen zu kommen scheinen. Denn was die Autoren dem Buch gaben und was die Leser – und gerade wir Heimatvertriebenen – von ihm erwarten: den Versuch, unser Schicksal dichterisch gültig, also sinndeutend in Worte zu fassen, das verträgt solche – unterstellen wir, vom Verlag ehrlich gemeinten – großen Worte nicht.

Homer ist nie in Troja gewesen. Er ist auch nicht um die halbe Welt geflüchtet. Er hat die Welt überhaupt nicht gesehen, denn er war blind. Aber er hat den Kampf und den heimatlosen, sich mit einer fremden Welt herumschlagenden Odysseus so geschildert, daß sie alle, das versunkene Troja, der Kampf und der heimatlose Wanderer heute noch leben. – Wenn es unter zwölf Millionen Heimatvertriebenen Menschen gibt, die ihr Schicksal dichterisch gestalten können – und dieses Buch beweist, daß es sie gibt –, so liegt das nicht so sehr daran, daß sie Flüchtlinge, sondern daran, daß sie zum Schreiben berufen sind.

Literarisch gesehen bestätigt diese Sammlung zunächst zweierlei: zuerst die nicht nur quantitativ aufs neue bewiesene Vorzugsstellung der Schlesier als des „poetischsten Stammes“ im deutschen Osten. Zum andern aber, daß die Menschen des Ostens auch nach Jahren der Entwurzelung noch aus klareren – der Natur verbundeneren – geistigen Quellen schöpfen, als die moderne Literatur es heute gemeinhin zu tun pflegt.

Nur einige Proben können wir stellvertretend für die Fülle der hier dargebotenen Erzählungen herausgreifen:

Die Erzählung „Wir stehen am Wege“ des früher in Memel lebenden Gerhard Lietz handelt von einem Mann, der sich in dem Nachkriegswettrennen um Besitz und neue bürgerliche Sicherheit einen Nervenzusammenbruch „ehrlich verdient hat“. Bei der Kur in einem kleinen westfälischen Dorf lernt er einen alten Flüchtling kennen, über den das ganze Dorf lächelt. Denn dieser Mann, der einmal sehr reich war, hält es nicht für nötig, den Wettlauf wieder aufzunehmen, um den Menschen zu zeigen, daß er geblieben ist, was er war. Er behauptet sogar, daß Armut Freiheit bedeuten kann, Besitz jedoch nicht unbedingt Sicherheit. Vor diesem Mann, der lächelnd von dem Wenigen verschenkt, das er besitzt, wird dem Kurgast, der seinen Nervenzusammenbruch wie eine Legitimation seiner Tüchtigkeit mit sich herumtrug, sein bisher unerschütterlicher Glaube an den alle Probleme lösenden materiellen Erfolg auf ärgerliche Weise fragwürdig.