Seit ich von Aquanta–Aquanta di bagno, nicht Aquanta di Porto! –zurück bin, weiß ich ziemlich genau, wo ich meine Ferien nicht hätte verbringen sollen: in Aquanta nämlich!

Schon in Aquanta kamen mir gewisse Zweifel, ob ich nicht um vier Jahre zu spät nach Aquanta gefahren war. Aquanta-Veteranen, die aus seiner großen 1950/51-Epoche übriggeblieben waren, gaben mir zu verstehen, daß ich 1955 nur noch einen schwachen Abglanz jener ruhmreichen Zeit erhaschen könne, denn seither verfalle Aquanta zusehends. Nachdem ich schon fünf Jahre – 1952 statt 1947 – zu spät nach Paris, zwei Jahre – 1950 statt 1948 – nach Rom und drei Jahre – 1953 statt 1950 – zu spät nach Ibiza gekommen war, habe ich mich an den Anblick verfallener Größe etwas gewöhnt und gewinne ihm sogar einen gewissen makabren Geschmack ab. Mit einiger Phantasie kann ich mir ja vorstellen, wie es einst, vor drei, vier oder fünf Jahren, an der betreffenden Stätte zugegangen sein mag; welche prominenten Dichter, Filmstars und Nichtstuer an welchem Tisch in welchen Cafés gesessen oder auch nur lässig an ihnen vorbeiflaniert sein mögen, und mir in Fällen, wo es sich um berühmte Inseln handelt, zusätzlich ausmalen kann, wie still und unberührt sie damals waren, wie unverdorben ihre Eingeborenen, wie verdorben ihre Entdecker. Wie hat sich alles seitdem verändert! Wie lärmend und betriebsam ist es geworden, wie verdorben nun die Eingeborenen, wie unverdorben ihre jetzigen „Entdecker“!

Immerhin: War Aquanta auch kaum mehr der Schatten seiner selbst, so konnte ich mich ja zur Not noch an seine mittelmeerüblichen Reize – Hitze und Meerwasser – halten.

Doch habe ich offenbar auch hier wieder allen Grund, meine Fahrt nach Aquanta zu bereuen. Auf der Heimfahrt traf ich nämlich immerzu auf Ferienreisende, die aus Oriola, einem einsamen Fischerdorf an der Adria, kamen. Wenn ich ihre Berichte mit meinen Erfahrungen vergleiche, hatten sie fünf Regentage weniger als ich (also gar keine), gab es dort, außer ihnen, keine Touristen, Preise um die Hälfte niedriger als in Aquanta. –

Zu Hause angelangt, zerging meine Sympathie für Aquanta wie Zucker im Kaffee. Noch waren meine Koffer kaum ausgepackt, da erfuhr ich schon von routinierten Ferienreisenden, daß man Aquanta – wenn überhaupt noch – nur im Januar aufsuchen soll, weil es dann am reizvollsten sei. Was Aquanta überhaupt reizvoll macht, vernahm ich leider auch erst aus diesen Gesprächen, also zu spät. Nicht nur sind mir seine Sonnenuntergänge am Südkliff entgangen, nicht nur habe ich ständig am falschen Strand gebadet – ich habe es vor allem versäumt, mir Aquantas herrliche Fresken in der Felsengrotte anzuschauen, statt dessen aber meine Zeit damit vertrödelt, einen Kreuzgang sehr gründlich zu studieren, dem ich sarazenische Einflüsse zuschrieb, um erst jetzt zu erfahren, daß es sich um eine geschmacklose Restaurierung handelt.

Hatte schon mein Geständnis, daß ich nicht bei „Peppino“ gewesen war und nicht seine berühmten Fischsuppen gegessen hatte, befremdetes Stirnrunzeln hervorgerufen, so geriet mein Prestige selbst bei guten Freunden ins Wanken, als ich zögernd den Namen meiner Pension preisgab. Offenkundig war sie die teuerste und zugleich schäbigste auf der ganzen Insel und ich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen worden. Verzieh man es mir noch achselzuckend, daß ich noch nichts von der neuen billigen Omnibusroute gehört hatte, die durch die landschaftlich schönsten Teile des Landes führt, so war es mit der Geduld meiner Bekannten zu Ende, als ich unbedachterweise verriet, den Mittagszug genommen zu haben, der mich zwang, viermal umzusteigen, statt wie jeder vernünftige Mensch mit dem durchgehenden Nachtzug zu fahren.

Diese ganzen langen und erregten Diskussionen um meine Ferien in Aquanta haben mich begreiflicherweise ziemlich mitgenommen, so daß ich es tunlichst meide, überhaupt noch von meinen Ferien zu sprechen. Darüber hinaus sah sich mein Arzt gezwungen, mir eine Nachkur zu verordnen. Sie verbringe ich auf meinem Balkon im vierten Stock, herbstlich fröstelnd in Decken eingehüllt, umrahmt von Topfgeranien. Wolf gang Ebert