New York, Ende September

Drei Diskonterhöhungen hat es hier während der letzten fünf Monate gegeben: im April haben alle zwölf Federal-Reserve-Banken den Diskontsatz von 1 1/2 auf 1 3/4 v. H. heraufgesetzt, und in der ersten Augusthälfte sind elf von ihnen dann weiter auf 2 v. H. gegangen. Die zwölfte, die Federal-Reserve-Bank von Cleveland, nahm schon damals eine Erhöhung auf 2 1/4 v. H. vor, weil, wie es hieß, aus den Kreisen der bedeutenden Industrie des dortigen Bezirkes besonders weitgehende Kreditansprüche gestellt worden waren. In der Finanz- und Wirtschaftspresse wurde die Besonderheit des 2 1/4prozentigen Satzes durch den Hinweis unterstrichen, daß seit 1934, d. h. seit 21 Jahren, ein so hoher Diskontsatz nicht mehr vorgekommen war. Inzwischen stellte sich heraus, daß die Verhältnisse im Bezirk von Cleveland von denen im übrigen Lande gar nicht so sehr verschieden waren, und allmählich folgten die weiteren Federal-Reserve-Banken dem Clevelander Beispiel: im Rahmen einer dritten Diskonterhöhung haben sie nun alle den Satz von 2 1/4 v. H. übernommen.

Die derzeitige Hochkonjunktur hat noch in letzter Zeit immer neue Rekorde erreicht. Im August ist die Zahl der Beschäftigten zum ersten Male über 65 Millionen hinausgegangen. Daraus wird aber gelegentlich schon geschlossen, daß alle gut qualifizierten Arbeiter bereits beschäftigt sind. Wenigstens heißt es im letzten Monatsbericht der First National Bank of Boston, daß eine weitere Abnahme in der Zahl der Arbeitslosen, d. h. eine Zunahme in den Einstellungen, zu einem Rückgang in der Produktivität führen könnte und entsprechend zu einer Erhöhung der Produktionskosten. Demzufolge wird, wie es weiter im Bericht der Bank heißt, die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden sechs oder zwölf Monate im wesentlichen von der Geld- und Kreditpolitik bestimmt werden. Das bedeutet offensichtlich, daß die weitere Ausdehnung des Produktionsvolumens in den Fällen, in denen sie zu höheren Produktionskosten und entsprechenden Preiserhöhungen führen würde, mit den Mitteln der Kreditpolitik verhindert werden sollte. Zu ähnlichen Auffassungen ist man (aus etwas anderen Erwägungen) in der First National City Bank of New York gekommen. Im Septemberbericht der Bank heißt es, daß man auf dem Gebiet der Kreditgewährung zu schnell vorgegangen ist und daß die Ersparnisse des amerikanischen Volkes nicht ausreichten, um dem derzeitigen Kreditbedarf zu entsprechen.

Die Folgen der zurückhaltenden Kreditpolitik der Federal-Reserve-Banken machen sich auf den hiesigen Geldmärkten bemerkbar. Weitere Geldverknappungen werden sich aus den für Oktober erwarteten Treasury-Emissionen im Betrage von mindestens 3 Mrd. $ ergeben und aus Bond-Emissionen der Gesellschaften für schätzungsweise 500 Mill. S. Man rechnet damit, daß diese weitere starke Inanspruchnahme der Geldmärkte unter den bestehenden Umständen zu noch höheren Kreditsätzen führen wird, als sie jetzt schon bestehen, und daß als Folge hiervon in einer Reihe von Fällen weitere Anleihevorhaben einstweilen zurückgestellt werden.

Es handelt sich aber nicht nur um die Beschränkung des Kreditvolumens. Mindestens ebenso wichtig ist die Sicherstellung einer Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel im Sinne der derzeitigen Politik der Federal-Reserve-Banken. Sie haben die Möglichkeit und nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen sogar die Verpflichtung, sich über die Kreditgebarung der Banken zu Unterricht ten‚ die bei ihnen Anträge auf Gewährung von Krediten einreichen, und sie werden die so gewonnenen Informationen bei ihren Entscheidungen über solche Anträge entsprechend berücksichtigen.

Die zentralen Bankan hier Lande bemühen sich – wie auch vielfach in anderen Ländern – zur Zeit um die Verhütung und um die Beseitigung von Exzessen, wie sie sich in Verfolg einer jeden Hochkonjunktur ergeben. Man nennt sie daher die „Problems of prosperity“. Nur um sie handelt es sich. Die Hochkonjunktur „als solche“ will man so lange wie möglich erhalten und gerade deshalb geht man gegen ihre Auswüchse vor. Das kommende Jahr ist ein Wahljahr, und die Eisenhower-Regierung so wenig wie irgendeine andere kann in einem Wahljahr eine rückläufige Wirtschaftsentwicklung ertragen. E. Robert Singer