Die diesjährige Wiener Musiksaison, die durch die Operneröffnung in die Kunstgeschichte der Stadt eingehen wird, begann mit den beiden Konzerten der New Yorker Philharmoniker, ‚ jenes ältesten und traditionsreichsten Klangkörpers der Neuen Welt, der schon unter den berühmtesten Dirigenten, von Gustav Mahler bis Toscanini, begeistert hat und in Wien unter der Stabführung von Dimitri Mitropoulos spielte, der wohl eine der interessantesten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit ist. Seine Übersensibilität, die sich in immer neuer agogischer und dynamischer Spannung entlädt, stellt an die Musiker Ansprüche, denen nur ihre bis zum äußersten gesteigerte technische Perfektion genügen kann. In der Ouvertüre zu Verdis „Macht des Schicksals“ konnte Mitropoulos noch durch Rhythmik, Rubati und echtes Melos die überzeugende Impression großer italienischer Operndramatik geben. Doch schon in Schumanns zweiter Symphonie, aber noch mehr in der Brahmsschen D-Dur-Symphonie widersprachen übersteigertes Tempo und zu geringe Nuancierung sehr erheblich der sachbedingten Tradition, wenn auch die Klangpracht des Orchesters und die genialische Eigenwilligkeit des Dirigenten das Wiener Publikum zu orkantartigem Beifall hinrissen.

Im zweiten Konzert bot Mitropoulos eine Couperin-Bearbeitung von Darius Milhaud, wenn auch ohne jenen durchsichtigen Klang, der den Werken dieses französischen Barockmusikers eigentümlich ist, und in der Reformationssymphonie von Mendelssohn übersteigerte er den Ausdruck, wohl in der Absicht, den heroischen Charakter dieses Werkes zu. verdeutlichen. Die Erstaufführung der zehnten Symphonie von Schostakowitsch und eine Vokalise von Rachmaninoff verstärkten den Eindruck, daß die neuere Musik dem Genie Mitropoulos’ nähersteht als die romantische, über deren Interpretation man gerade in Wien sehr feststehende und begründete Meinungen hat.

Wenige Tage später erlebte Menottis „Heilige von der Bleecker Street“ ihre Wiener Premiere, zugleich die deutschsprachige Erstaufführung, und nach der Aufführung in der Mailänder Scala die zweite Repräsentation auf einer europäischen Bühne. Der Italo-Amerikaner Gian Carlo Menotti ist in Wien kein Unbekannter. Sein „Konsul“, sein „Medium“ und das Märchenspiel „Amahl und die nächtlichen Gäste“ haben ihm in Österreich große Erwartungen gesichert.

Auch in der „Heiligen von der Bleecker Street“ griff Menotti, der Italiener, weitgehend auf Puccini und Verdi zurück, zwei Meister, die von Menotti, dem Amerikaner, immer wieder mit Gershwin und Strawinskij zu einem Musikcocktail gemixt werden, über dessen Genießbarkeit die Meinungen weit auseinandergehen. Bewegt sich also Menotti als Komponist auf weiten Strecken in breit ausgefahrenem epigonalem Fahrwasser, so ist er als sein eigener Librettist von unüberbietbarer Originalitätssucht, die vor keiner Effekthascherei zurückschreckt. Und so einfach sein thematischer Vorwurf scheint, so raffiniert und frei von ästhetischen Hemmungen verwirklicht er ihn. Er scheut kein Mittel, das packt und „Theater“ im primitivsten Sinne des Wortes ist. Sein Libretto, eine religionspsychologische Moritat, hat moralische Ambitionen und will Allgemeingültiges zeigen. Musik und Story sind ein Beweisgang, der in immer neuen Steigerungen voll aufpeitschender Effekte dem trüben Ende zustürzt.

Die schwerkranke Annina, die im Italienerviertel New Yorks als Heilige gilt, weil sie alljährlich am Karfreitag die Leidensgeschichte Christi visionär erlebt und die Wundmale des Heilands empfängt, steht im Mittelpunkt der Tragödie. Michele, ihr Bruder, will ihren Wunsch, ins Kloster zu gehen, vereiteln und gerät in Konflikte mit dem Priester Don Marco und allen Gläubigen im Italienerviertel. Micheles Geliebte Desideria verdächtigt den Bruder wegen seiner Bindungen an Annina einer unlauteren Zuneigung zu ihr und wird im Zorn von Michele erstochen. Annina nimmt nun den Schleier und stirbt als Opfer der weltlichen Konflikte ...

Gespielt wurde großartig. Prachtvoll die Negersopranistin Camilla Williams, deren Stimme zwar ohne großes Volumen, aber ebenso edel wie rein ist, und die als Annina einen unvergeßlichen Eindruck hinterließ. Margarita Kenney, eine Amerikanerin, die seit kurzem dem Ensemble der Wiener Oper angehört, begeisterte sowohl durch die gesangliche wie schauspielerische Gestaltung ihrer Partie als Desideria. Josef Gostic als Michele und Alois Pernersdorfer als Pfarrer erwiesen sich als Charakterdarsteller von Format und als Sänger mit bemerkenswerten Stimmitteln. Auch das übrige Ensemble, Heinrich Hollreiser am Dirigentenpult und Herbert Graf als Regisseur, gaben der Aufführung festlichen Glanz. Die Begeisterung des Premierenpublikums war weitgehend ihnen zu verdanken, obschon vor allem Menotti gefeiert wurde, der am ersten Wiener Abend anwesend war. Die objektive Kritik wird freilich gegen den allzu weitverzweigten Stammbaum dieser Musik wie gegen die unbedenkliche Mischung von Revue und Musikdrama, Gruselatmosphäre und Konnersreuthstimmung ernste Vorbehalte erheben müssen. K. N.