Von Willy Wenzke

Die am vergangenen Sonnabend im traditionellen Ausstellungsgelände am Funkturm von dem Regierenden Bürgermeister Prof. Otto Suhr, dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ‚Fritz Berg und dem Bundeswirtschaftsminister Prof. Ludwig Erhard eröffnete „Deutsche Industrieausstellung Berlin 1955“ richtet die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit – im Westen wie auch im Osten – auf die wirtschaftliche Situation unserer verhinderten Reichshauptstadt. Besonders erfreulich (und Anerkennung für die Verwaltung und Industrie Westberlins fordernd) ist die Feststellung, daß die Industrieausstellung in diesem Jahre unter recht günstigen Aspekten starten konnte: Westberlins Wirtschaft steht im Zeichen eines günstigen Aufwärtstrends.

Nach dem Verlust seiner Hauptstadtfunktion und der hermetischen Trennung von den gewohnten Märkten im unmittelbaren Hinterland mußten für Westberlin zwangsläufig neue wirtschaftliche Grundlagen geschaffen werden. Sie konzentrieren sich auf den Wiederaufbau und die ständige Erweiterung der Industrie, die daher auch seit 1950 im Vordergrund der Wirtschaftspolitik Westberlins steht. Diesen eigenen Anstrengungen und der tatkräftigen Hilfe der Bundesrepublik war es bis Ende 1953 im großen und garzen gelungen, Berlins Wirtschaft wieder auf ein tragfähiges Fundament zu stellen. Im rückliegenden Jahr wurden die gebotenen Entwicklungsmöglichkeiten mit dem für Berlin typischen Elan genutzt, um auf allen Industriegebieten die nun eirmal erforderlichen Fortschritte zu erreichen. Daß dies gelungen ist, zeigen die Erfolge, die 1954 und auch im bisherigen Verlauf dieses Jahres erreicht werden konnten. Sie sind ein Spiegelbild des unbeugsamen Westberliner Aufbauwillens und rechtfertigen für die Zukunft durchaus optinistische Erwartungen.

Beleuchten wir einmal das Sozialprodukt von Berlin. Für das Wachstum jeder Wirtschaft und die Verbesserungen des Lebensstandards ist es entscheidend, wieviel an Kaufkraft für Güter und Dienste verbleibt, wenn aus den Erlösen der Produktion und der üblichen Dienstleistungen die Leistungen der Vorstufen – also für Materialbezüge und Reparaturen – beglichen worden sind. Dieser von der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Bruttosozialprodukt ausgewiesene Wert bestimmt die Summe der Güter und Dienste, die aus eigener Leistung für Verbrauch, Investitionen und Vorratsbildung zur Verfügung stehen. Er entspricht den als Wertschöpfung (Volkseinkommen) zusammengefaßten Löhnen, Nettomieten, -pachten und Gewinnen zuzüglich der Abschreibungen und indirekten Steuern. Nun betrug das Bruttosozialprodukt Westberlins in 1954 rund 6,4 Mrd. DM, d. h. daß gegenüber 1953 eine Zunahme um 13 v. H. zu verzeichnen war, ein Satz, der die Fortschritte des Wachstums der Westberliner Wirtschaft recht deutlich macht.

Mit den 6,4 Mrd. DM kam das Sozialprodukt Westberlins in etwa auf den Stand in der Bundesrepublik: es sind – gerechnet je Einwolner – 2300 DM. Bedenkt man aber, daß in Hamburg und Bremen das Volkseinkommen je Einwohner im rückliegenden Jahr bei 2800 DM lag, to wird deutlich, daß die 1954 erreichte Angleichung an den Durchschnitt des Bundesgebietes wohl ein Erfolg ist, aber trotzdem noch nicht befriedigen kann, weil Westberlin infolge seiner Großstadtstruktur ein weit höheres Niveau haben müßte (vor dem Kriege lag Berlins Sozialprodukt um 55 v. H. über dem Reichsdurchschnitt). Fest steht, daß Westberlins Sozialprodukt ohne die Kaufkraftübertragung aus dem Gebiet der Bundesrepublik weit niedriger wäre, seine Höhe also gleichzeitig der Ausdruck für den Erfolg des Wiederaufbaues der Wirtschaft und für die sinnvollen Auswirkungen der Bundeshilfe ist.

Heute ist die Berliner Wirtschaft erfreulicherweise wieder voll leistungsfähig und kann ihre Erzeugnisse zu den gleichen Preisen und Bedingungen anbieten wie die westdeutschen Betriebe. Noch verfügt sie allerdings über ansehnliche und bislang ungenutzte Kapazitätsreserven. Vom Arbeitsmarkt her sind einer weiteren Expansion keinerlei Grenzen gesetzt, weil der weitaus größte Teil der rund 118 000 Westberliner Arbeitslosen durchaus einsatzfähig ist. Wie Wirtschaftssenator Dr. Paul Hertz dieser Tage erklärte, hat Berlin die Hoffnung, ihre Zahl bis Ende Oktober auf 110 000 reduzieren zu können und – falls die derzeitige günstige Entwicklung noch weiter anhält – in einigen Jahren sogar zum Ausgleich zu kommen. Ganz leicht dürfte das jedoch nicht sein, wenn auch heute bereits im Warenverkehr die Berliner Bezüge zu 80 v. H. durch entsprechende Gegenlieferungen gedeckt werden. 1950 waren es nur knapp 50 v. H. Aber die letzten 20 v. H. machen aller Wahrscheinlichkeit nach weit mehr Schwierigkeiten als die bisherige Steigerung auf 80 v. H.

Und wie hat sich das steigende Wachstum der Westberliner Industrie auf die Umsatzentwicklung ausgewirkt? Die Umsätze konnten von 1,77 Mrd. DM in 1950 im vergangenen Jahr auf 4,29 Mrd. gesteigert werden, und der arbeitstägliche Produktionsindex (1936 = 100) zog im gleichen Zeitraum von 33 auf 79 an. Das ist eine erfreuliche Linie, obwohl nicht darüber hinweggesehen werden sollte, daß der Produktionsindex – auch heute noch – weit unter dem Niveau der Vorkriegszeit liegt, von dem der Bundesrepublik (1954 = 173) ganz zu schweigen. Aber immerhin konnte die Zahl der Beschäftigten durch die Schaffung neuer Dauerarbeitsplätze um rd. 270 000 auf 860 000 gesteigert werden – eine Folge der erheblichen Vergrößerung der Industrieproduktion Westberlins. An ihr haben alle Industriezweige einen entsprechenden Anteil, in erster Linie die Elektroindustrie, die Nahrungs- und Genußmittelindustrie, die Bekleidungsindustrie, der Maschinenbau, der Stahl- und Eisenbau und nicht zuletzt die chemische Industrie. Bemerkenswert ist, daß fast die Hälfte der Arbeitsplätze, die im vergangenen Jahr in der Westberliner Industrie besetzt wurden, auf Frauen entfiel, obwohl sich das Industriewachstum in erster Linie auf die Produktionsmittelindustrie erstreckte. Das ist vor allem ein Verdienst der in Berlin dominierenden Elektroindustrie, in der die Beschäftigung von Frauen eine erhebliche Rolle spielt. Zudem muß erwähnt werden: die Frauenarbeitslosigkeit liegt in Berlin im Vergleich zur Bundesrepublik ungewöhnlich hoch. Erfreulich ist, daß mit der Verbreiterung der industriellen Basis auch der Export gesteigert werden konnte, ein Bemühen, dem sich die Berliner Absatzorganisation mit aller Kraft verschrieben hat. Von 1951 bis zum vergangenen Jahr wurden die Exporte Westberlins mit einem Wert von 461,7 Mill. DM annähernd verdoppelt. Und im ersten Halbjahr 1955 lagen sie im Vergleich zum ersten Halbjahr 1954 um weitere 22 v. H. höher. Mit diesem Exporterlös wurde das bisher beste Halbjahresergebnis der Nachkriegszeit erreicht. Den stärksten Anteil hatte die Elektrotechnik. Größter Abnehmer der Westberliner Exporterzeugnisse ist nach wie vor Europa, das 80 v. H. der gesamten Ausfuhr aus unserer einstigen Reichshauptstadt abnahm. An der Spitze stehen übrigens die Niederlande. Berlins Lieferungen nach der Schweiz haben sich weiter erhöht; auch nach Jugoslawien entwickelte sich der Export verhältnismäßig günstig. Dagegen war er leider nach Großbritannien und nach Frankreich rückläufig. Dafür wächst aber im Überseegeschäft die Bedeutung von Asien und Afrika. Der Ausfuhr Berlins dürfte die glanzvolle Industrieausstellung wieder neue Impulse vermitteln. Begrüßt werden muß, daß die Schau am Funkturm, die früher nur „Schaufenster der Freien Welt“ sein und das Leistungsniveau der westdeutschen Industrie demonstrieren sollte, nun einen echten Messecharakter erhalten hat.