Die Geschichte des Schelmenromans von den „Abenteuern des braven Soldaten Schwejk“ ist, wie der Held selbst, ein Unikum unseres Jahrhunderts. Sein Erfinder, der Prager Bohemien Jaroslaw Haschek, verkaufte die einzelnen Abenteuer als Kolportagehefte und war höchst verwundert über die „liebliche Kritik“, die Max Brod der Entdecker dieser Kostbarkeit, ihm widmete. Brod ließ dann ein paar Abenteuer Schwejks in einem tschechischen Kabarett in Prag darstellen und regte Grete Rainer zur deutschen Übersetzung des Buches an. Diese wurde, Ende der zwanziger Jahre, als Antimilitär-Satire von den Intellektuellen der Linken bejubelt, von denen der Rechten als destruktiv beschimpft. Als dann Erwin Piscator mit dem riesigen Zauberapparat seines Nollendorfplatz-Theaters Max Brods und Hans Reimanns dreistündige Dramatisierung des „Schwejk“ mit Max Pallenberg in der Titelrolle inszenierte, schienen die Fronten klar: Haschek mußte so etwas wie ein Kommunist gewesen sein. Der „Stahlhelm“ tobte, der Rote Frontkämpferbund veranstaltete Sondervorstellungen – und das „Reichsbanner“ machte ein saures Gesicht...

Jetzt hat man den Prager Schelm wiederentdeckt. Bei Kiepenheuer & Witsch gibt es eine schön ausgestattete Ausgabe des Buches, und Thaddäus Troll übernahm es, den monströsen Umfang des Bühnentextes, den Piscator damals präsentierte, auf die Länge eines normalen Theaterabends und eine für kleinere Bühnen erträgliche Personenzahl zu reduzieren. In den Hamburger Kammerspielen Ida Ehres war eine Aufführung dieser handlicher gewordenen Bühnenbearbeitung zu sehen – mit einem Schwejk, der Pallenberg zwar nicht an Glanz, wohl aber an Richtigkeit der Gestalt übertraf: Manfred Inger einem außerordentlichen Charakterkomiker, der – mit Recht – den Zuschauer in die von Haschek gewollte Ungewißheit versetzte, ob dieser Prager Hundehändler, k. und k. Patriot und „Mustersoldat“, eigentlich so durchtrieben ist, daß er den perfekten Idioten spielen kann, oder so begriffsstutzig, daß er militärisch geölten Gehirnen als perfekt raffinierter Drückeberger erscheinen muß. Aus dieser Zone, in der das „Doofe“ und das Weise geschwisterlich beieinander wohnen, holte Inger mit halsbrecherischer Sicherheit die komischen Wirkungen. Jede der Schwejkschen Wortkaskaden landete im Parkett und löste jenes Lachen aus, das nur die großen Meister des Wortes zu wecken wissen.

Waren es Haschek-Schwejks Worte? In einigen Kritiken las man, Troll habe das Ganze „auf die Ebene des Militärschwanks“ sinken lassen. Nun, Schwejks Abenteuer sind, vom Dichter her, die großartigsten und herrlichsten Militärschwänke der neueren Zeit – will sagen: der Zeit seit Falstaff. Und Thaddäus Troll hat, daß muß einmal festgestellt werden, nur reduziert, nicht „abgeflacht“.

Was die Kritiker so verdutzt hat, war wohl das Ausbleiben der Reaktionen pro und contra im Publikum und in der Öffentlichkeit. Kein Soldatenverband erhob Protest, keine Linkspresse stieß in die Friedensfanfare. Doch sollte das Trolls Schuld sein? Liegt es nicht vielmehr darin, daß sich zwischen 1930 und 1955 die Situaton ein wenig geändert hat?

Wen verletzt heute noch eine Satire auf den Krieg? Das soll nicht heißen, daß es überflüssig geworden sei, eine zu spielen. Aber man darf nicht mehr heiße Köpfe davon erwarten oder erhoffen.

Was im „Schwejk“ gegen die Apparaturen des Militärs und die Verlogenheit der Kriegspropaganda gesagt wird, rennt nicht weniger offene Türen ein als das, was im „Don Quijote“ gegen die Extravaganzen des Rittertums vorgebracht wird. Aber wie sein dickerer Bruder Sancho Pansa ist auch Hascheks „braver Soldat“ infolge des Wandels der Zeiten dorthin erhoben worden, wo alles Bleibende und Gültige beisammen ist.

1930 mißverstand man ihn. Es spricht mit gegen unsere Jahre, daß heute ein Mißverständnis nicht mehr passiert. C.E.L.