Von Oskar Jancke

Den Essay als Kunstform zu definieren, ist nicht ganz einfach. Doch eins steht fest: Während man Wert und Ergebnis einer wissenschaftlichen Abhandlung beinahe unabhängig von ihrem Verfasser beurteilen kann, läßt sich der Essay von der Persönlichkeit seines Verfassern nicht ablösen. Was bezaubert uns immer noch an den Essays von Karl Hillebrand, die unter dem Titel „Zeiten, Völker und Menschen“ gesammelt sind? Nicht ihre Thematik, nicht ihr zeitbedingter historischer, politischer und literarischer Gehalt, sondern die persönliche Form der Darstellung. Er war ein sehr kenntnisreicher Schriftsteller, der sich auf die Kunst verstand, in den Stoff tief einzudringen, ohne in der Form schwerfällig zu werden. Als er als neunzehnjähriger Student 1848 aus Deutschland fliehen mußte, akklimatisierte er sich schnell in Frankreich und entwickelte sich dort zu einem Publizisten von Rang. Erst nach 1870, nachdem er Frankreich verlassen und seinen Wohnsitz in Florenz genommen hatte, schrieb er auch in deutscher Sprache. Manche in sein Sammelwerk aufgenommene Arbeiten sind aus dem Französischen oder Englischen übersetzt worden, andere dort nicht aufgenommene unbekannt geblieben. Eine Auswahl von ihnen ist jetzt unter dem Titel

Karl Hillebrand: „Unbekannte Essays“ im Francke-Verlag, Bern, 404 Seiten, 18,50 DM.

aus dem Englischen und Französischen übersetzt und mit einem biographischen Nachwort „Joseph und Karl Hillebrand“, herausgegeben von Hermann Uhde-Bernays, erschienen. Damit ist jahrelanger mühevoller Suche nach dem Material ein reicher Ertrag beschieden worden und ein neuer Zugang zu Karl Hillebrand erschlossen. Ja, man wird von nun an einige dieser „neuen“ Essays vermutlich besser kennen als seine „alten“. Das gilt vornehmlich von dem glänzendsten Stück der Sammlung über „Die Berliner Gesellschaft zwischen 1789 und 1815“, einem ausgezeichneten Beisoiel für die Zeit, in der sich die Entwicklung vom Weltbürgertum zum Nationalstaat vollzog. Der tolerante Geist des 18. Jahrhunderts ermöglichte die Emanzipation der Juden. Die jüdischen Salons ziehen die Kreise des Adels, der Wissenschaft und der Literatur an. Hillebrand schildert es, indem er die Persönlichkeiten darstellt, um die sich damals in Berlin die gebildete Gesellschaft versammelte: Henriette Herz, Dorothea Veit-Mendelssohn sowie die Rahel, um die sich mit vielen anderen Schleiermacher, Friedrich Schlegel, Johannes von Müller, Friedrich Gentz, Prinz Louis Ferdinand scharen. Das Aufkommen der Romantik ist ebenso in diese Darstellung eingeschlossen wie das zunehmende Eingreifen Napoleons mit allen Veränderungen, die es bewirkte. An zweiter Stelle verdient Hillebrands Essay über Herder genannt zu werden, der auf knapp 100 Seiten die Geschichte von Leben, Werk und Wirken dieses immensen Anregers entwirft, wirklich die lebendigste Biographie des großen Mannes, dem Hillebrand selber sehr verpflichtet war. Der hellsichtige, skizzenartige Essay über Bismarck, noch bevor dieser seine staatsmännische Aufgabe vollendet hatte, zeigt Hillebrand auf der Höhe seiner politischen Publizistik, doch ist diese in allem, was er schreibt, schon vorhanden. Es braucht nicht der Nachruf auf den Historiker Ludwig Häußer zu sein, durch den dies klar wird. Auch der dem Altphilologen Otfried Müller gewidmete Essay, der nebenbei noch eine Geschichte der philologischen Studien in Deutschland enthält, behandelt seinen Gegenstand als ein Stück Zeitgeschichte. Gerade darum aber wirkt Hillebrand auf uns heute nicht historisch, sondern aktuell, weil er die Geschichte seiner Epoche als den Übergang von der Wissenschaft und Dichtung zur Politik, von der Idee zur Tat zustimmend miterlebt, zugleich aber die Gefahren sieht, die dieser Prozeß heraufbeschwört: vor allem die unausgeglichene, einseitige Bevorzugung de mit der industriellen Revolution zusammengehenden neuen Richtung der nationalstaatlichen Konsolidationen unter Vernachlässigung, ja Verachtung der humanistischen Ideenwelt.

In seinem weitausgreifenden gelehrten Nachwort schildert Hermann Uhde-Bernays ausführlich den Werdegang und das Werk Karl Hillebrands, indem er zugleich ein Bild des Vaters, des Literaturhistorikers Joseph Hillebrand, zeichnet, das freilich doch vor dem des Sohnes verblassen muß. Was wir aus der Lektüre der Hillebrandschen Essays erfahren, faßt Uhde-Bernays in gründlicher Würdigung der Persönlichkeit zusammen. Er vergleicht ihn mit Sainte-Beuve und Matthew Arnold und nennt alle drei „Lehrmeister, keine Schulmeister, vorbildliche Erzieher zur Bewährung eines literarischen Verantwortungsbedürfnisses und darüber hinaus zur freiheitlichen, lebendigen Anschauung der Weltelemente und ihrer Werte im Glauben an die Verwirklichung humaner Ideen“. Hillebrand steht jedoch noch nicht so sicher in unserer Literatur wie die beiden anderen in der ihrigen. Nietzsche, der ihm einige Rezensionen seiner „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ zu verdanken hatte, nannte ihn „den letzten humanen Deutschen, der die Feder zu führen wußte“. Wenn er auch zum Glück der letzte nicht war, – daß er die Feder zu führen wußte und der Name eines Essayisten sich mit dem seinigen verbindet, das allein sollte uns reizen, uns mehr mit ihm zu befassen. Die bisher unbekannten Essays wären ein Anlaß dazu.