Geschichtliche Monographien, die im Grunde genommen gar keine sind, haben jetzt Konjunktur. Kaum ein Monat vergeht, der uns nicht ein weiteres Beispiel dieser Art populärwissenschaftlichen Schrifttums beschert. Es begann mit Cerams Archäologieroman „Götter, Gräber und Gelehrte“, dessen Welterfolg eine Kettenreaktion von Elaboraten auslöste, die im D-Zug-Tempo nicht 1000, nicht 6000, nein, wenn möglich 200 Millionen Jahre Geschichte durchfliegen. „Man liest sie“, lobt das Magazin der Buchhändler-Vereinigung, „unterhält sich köstlich dabei und hat am Ende, ohne sich anstrengen zu müssen, noch etwas dazugelernt. Mehr kann man wirklich nicht verlangen.“

Daß man mehr verlangen kann als schmetterlingshaftes Nippen an der Weltgeschichte, hat ein Werk gezeigt, daß zwar nicht die sensationelle Auflage des ersten Ceram erreichte, diesen aber durch seine vollkommene Synthese von profundem Quellenstudium und dichterischer Intuition vielleicht noch übertrifft. Es ist Heinrich Eduard Jacobs „Sechstausend Jahre Brot“, ein Buch, an dessen Qualitäten man ständig wehmutsvoll zurückdenken muß, wenn man sich durch

Ulrich Neuhaus: Des Lebens weiße Quellen. Das Buch von der Milch. Dietrich Reimer Verlag, Berlin. 207 S., 82 Abb., 13,80 DM

quält. Dieser Band scheint bereits nach einem Rezept gearbeitet zu sein, das sich für den letzten Schrei der Non-fiction-Literatur inzwischen herausgebildet hat. Danach gehört zu einem „Buch von...“ an erster Stelle ein ausgefallenes Thema oder eins von gleichbleibender Faszination. Sodann eine lexikographisch-knappe Sprache, wenn möglich einige romanähnliche Einschaltungen, auf jeden Fall aber eine Darstellung, die so beschlagen dünkt, daß dem dümmsten Frager der Mund gestopft wird. Dem Zug der Zeit folgend, darf ein wenig Augenweide im Bildteil nicht fehlen; unbedingt nötig ist jedoch ein umfangreicher, alle möglichen Register enthaltener Anhang, damit auch ja kein Zweifel an dem wissenschaftlichen Charakter des Werkes besteht. Zum Schluß muß noch ein Titel mit poetischem Klang gefunden werden, und je nach Thema ein Pseudonym, wobei ein in manches Dunkel gehüllter Gegenstand einen exotischen, ein simpler Stoff dagegen einen bürgerlich-bescheidenen Namen verlangt.

Um nun dieses Patentschema im einzelnen auf Neuhaus’ Buch zurückzuführen, so werden denn dort so eifrig Folianten gewälzt, daß der Verfasser gar nicht mehr zu merken scheint, wie er in einem Absatz die Wohlgestalt des weiblichen Busens in hehren Tönen besingt und sich im nächsten bereits über die primitive Anatomie der Kloakentiere ausläßt. Er zieht höchst kühne, doch eigentlich höchst törichte Zahlenvergleiche, reiht die Fetttröpfchen in einem Kubikzentimeter Kuhmilch an einem hauchdünnen Faden vom Nordpol bis nach Kapstadt oder läßt – um die Butterproduktion der Welt auszudrücken – ein Auto mit hundert Kilometer Stundengeschwindigkeit Tag und Nacht an einem Butterband vorbeirasen: nur weil er von der Vorstellung besessen ist, über die Milch müsse man „anschaulich“ schreiben.

Heinrich Eduard Jacob benutzte für sein Buch über das Brot an die 4000 Werke und gibt zu, mitten im Sammeln des Materials mit dem Schreiben begonnen zu haben. Ulrich Neuhaus’ Milch-„Roman“ macht den Eindruck, in wenigen Wochen hingeschrieben worden zu sein und ist nicht viel mehr als eine fleißige Semesterarbeit.

Mit ihr haben so ziemlich alle Artikel des Krämerladens ihre literarische Würdigung erhalten. Wir besitzen jetzt den „Roman“ der Milch, des Brotes, des Kaffees, der Zigarette, des Eisens, der Seide, der Gifte sowie der Archäologie, der Anthropologie, der Chirurgie, der Kolonisation und der Technik. Bleibt nur noch die Frage: Wer schreibt den Roman der Knackwurst und des Bindfadens? Günther Specovius